Von Benjamin Henrichs

Die drei sehen aus, wie sich Kinder Menschenfresser vorstellen oder Heilige: Der Pendelfrederech (Rüdiger Hacker) hat einen schwarzen, speckigen Regenmantel an und klebriges, schwarzes Haar auf dem Kopf; manchmal, wenn es ihn überkommt, öffnet er den Mantel und zeigt seinen schaudernden Mitmenschen vor, was von seiner Männlichkeit übriggeblieben ist; der Gläserne Amadeus (Willem Menne) hat einen weißen, bleichen Mondkopf, an dem ein paar Strähnen Goldhaar hängen; er ist sehr wehleidig und schwach und läßt sich gerne von seinen Kumpanen tragen; die Lange Anna (Günter Lampe) ist eine heruntergekommene, melancholische Tunte, die sich mit irgendwelchen Lappen und Damenschuhen schön gemacht hat und sich einen Kamm ins schmuddelige, nie gewaschene Lockenhaar gesteckt hat.

Es ist fast dunkel, wenn die drei zum erstenmal auftreten. Sie gehen das Flußufer hinunter, zu der rotbraunen Wasserpfütze in der Bühnenmitte, und machen, lautlos und unheimlich, eine Art von ritueller Waschung. Wenn man flüchtig hinsieht, könnte man sie für seltsame Heilige halten, für die Heiligen Drei Könige vielleicht; schaut man unverträumt hin, sieht man nur drei widerliche, stinkende Clochards. Die Bewohner der Stadt haben Angst vor ihnen und starren sie doch auch an wie Fabelwesen: Lieschen, ein Arbeiterkind (Angela Winkler), geht einmal nah zu dem Amadeus hin und schaut sich den Menschen ganz gierig und erschrocken an. Man spürt da schon, wieviel ungenaue Lust sie hat, etwas zu erleben, und wenn es das Furchtbare ist.

Die drei Stadtstreicher, abscheulich real und märchenfremd zugleich, waren in früheren Aufführungen von Else Lasker-Schülers Stück "Die Wupper" (bei Hans Bauer in Wuppertal, bei Adolf Dresen in München) immer Nebelgestalten geblieben, Traumfiguren – mehr poetisch als von dieser Erde. In Luc Bondys Inszenierung an der Berliner Schaubühne werden sie zu den heimlichen Hauptfiguren – weil sich Bondy weniger für ihre poetische Aura interessiert als für ihren physischen Jammer. Denn auch dies sind Anna, Amadeus und Frederech: heruntergekommene Exhibitionisten, altgewordene Faune, Geschlechtskranke. Sie tragen am sichtbarsten und stolzesten die Zeichen des Verfalls, der bei allen Figuren dieses Stücks schon begonnen hat.

Luc Bondy hat zum erstenmal an der Schaubühne inszeniert; nach vielerlei Mut- und Genieproben ist dies seine ausführlichste, mühsamste und schönste Regiearbeit geworden – gleich weit weg vom scheinbar mühelosen ästhetischen Gelingen seiner früheren Inszenierungen wie von deren oft luxuriöser, verspielter Unverbindlichkeit. Was in Frankfurt, bei Bondys Marivaux-Inszenierung ("Die Unbeständigkeit der Liebe"), begann, eine Unlust an den glatten, gefälligen, bloß verblüffenden Lösungen, eine jähe Neugier auf das Chaotische und Katastrophale in menschlichen Be-Ziehungen, das setzte sich nun bei der "Wupper" strapaziös und großartig fort. Ein Stück, das man mit Regie-Raffinement mühelos in ein hochpoetisches Nichts verzaubern könnte, in ein unirdisches, mondsüchtiges Bühnenmärchen, zerfiel bei Bondy (und Zerfall ist immer ein schmerzhafter Vorgang) in eine Vielzahl von Leidensgeschichten.

Das Stück der Lasker-Schüler (Erinnerung einer Großstädterin an die Provinz, an die Gestalten und Empfindungen der Kindheit) wurde so dem anderen, viel verquälteren, engeren, realeren Provinz- und Pubertätsdrama der Zeit, wurde Marieluise Fleißers "Fegefeuer in Ingolstadt" zum Staunen ähnlich.

Es ist seltsam, wie konsequent das scheinbar zerfahrene, absichtslose Stück der Lasker-Schüler den Verfall überall spürt und beschreibt: die Verwandlung einer ländlichen Flußlandschaft in eine Industriestadt genauso wie die unaufhaltsame Zerstörung der alten sozialen Beziehungen, des gewohnten sexuellen Verhaltens. Es ist eine große, fiebrige Unruhe in allen Figuren: ein Fabrikdirektor (Werner Rehm) stürzt sich blindlings in eine Affäre mit einem Proletenmädchen, macht ihr ein Kind, begeht Selbstmord. Sein jüngerer Bruder (Hans Diehl), zu Tode erkrankt, spielt mit schwindenden Kräften einen religiös Verzückten, Carl Pius (Gerd David), ein Arbeiterkind, will Pastor werden und verrennt sich in ein aussichtloses Liebesdrama.