Nach dem Wirtschaf tsanfschwung die Versöhnung mit den Deutschen

Von Eduard Neumaier

Mit einer der königlichen Gestalten verglichen zu werden schmeichelt polnischen Kommunisten. Bemüht, eine Parallele für Edward Gierek zu finden, hat ein polnischer Publizist auf Kazimier den Großen zurückgegriffen, der, als er im 14. Jahrhundert die Regentschaftübernahm, ein „Polen in Holz“ vorfand und bei seinem Tode eines in Stein gemauert hinterließ: befestigte Städte, Schlösser, Klöster und die Universität Krakau.

Als Edward Gierek im Dezember 1970, durch Arbeiterunruhen an die Spitze der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei gebracht, Wladyslaw Gomulka ablöste, fand er ein Polen in Not vor – er will eines in Wohlstand übergeben. Dazu muß er das Land vom industriellen Zeitalter in das technologische überführen. Das Gewicht des Landes in Osteuropa wird davon bestimmt und damit auch der Grad seines Einflusses auf die Sowjetunion. Ob noch eine weitere Variante eines Weges zum Sozialismus angeboten wird, entscheidet sich mit Giereks Politik, die wiederum dem einzigen, in polnischen Augen zu rechtfertigenden Ziel gilt, dierelative Unabhängigkeit Polens zu sichern, auf alle Fälle: seine nationale Eigenständigkeit zu wahren.

Daß Edward Gierek dazu eine politische Partnerschaft mit der jahrzehntelang verfemten Bundesrepublik braucht, ist eine durchaus nicht selbstverständliche Einsicht. Sie entspringt auch mehr seiner Vernunft als seiner Neigung. Seit er sich in der Sommernacht von Helsinki 1975 zusammen mit Helmut Schmidt dazu durchgerungen hat, den Ausgleich mit Bonn aufs neue zu versuchen – nachdem der erste mit dem Warschauer Vertragsabschluß im Jahre 1970 kläglich steckengeblieben war –, betreibt er diese Politik konsequent. Selten hat Gierek eine Visite so gründlich vorbereitet. Dabei ist ihm eine natürliche Begabung hilfreich gewesen: seine für kommunistische Gepflogenheiten ungewöhnliche Neigung zur Öffentlichkeit (er küßt sogar seine Frau vor Fernsehkameras). Ihm ist es nicht beschwerlich gewesen, die Vorhänge vor seinem Privatleben zurückzuziehen.

Mancher, der Edward Gierek, als er in Hamburg landete, zum erstenmal in voller Lebensgröße sah, wird überrascht gewesen sein, daß die auf Bildern rauh-mächtig wirkende Gestalt in Wirklichkeit kleiner ist. Zwar überragt er den deutschen Kanzler um eine gute Stirnhöhe, aber auch er wirkt ja größer, als er ist. Gierek hat ein großflächig-offenes Gesicht, dessen Schwere ein akkurater Bürstenschnitt der Haare noch verdeutlicht. Graue Augen und ein prüfender Blick deuten auf eine rationale Gabe. Seine Hände, breit und kräftig im Druck, in siebzehn Jahren Bergmannsarbeit unter Tage in Frankreich, Polen und Belgien ausgeformt, wären eines Zwei-Meter-Mannes würdig.

Bei Fragen oder Themen, die ihm lästig sind, dreht Gierek zwischen linkem Daumen und Zeigefinger, was gerade greifbar ist, etwa eine Büroklammer; seine Stirnfalten signalisieren den Charakter einer Antwort: hochgezogene und waagerechte verheißen Aufgeschlossenheit, eine steile Stirnfalte kündigt Unmut an, so, als ein deutscher Journalist in einer Frage leichte Zweifel durchblicken läßt, ob Polens zielbewußte Verständigungspolitik mit Bonn nicht beim einen oder anderen Nachbarn weniger verstanden würde. Mit seiner Reaktion gibt Gierek zu erkennen, daß mit ihm nicht allzu gut Kirschen essen ist. Alle vollendete Höflichkeit vergessend, die der Handkuß-Nation eigen ist, rügt er den Fragenden – einen Osteuropa-Experten –, er kenne wohl nur sehr wenig über Osteuropa und vor allem Polen, sonst wüßte er, daß Polen eine eigene Politik aus eigener Souveränität verfolgt.