Für lohnpolitische Zugeständnisse handelten die Gewerkschaften politischen Einfluß ein

Einer Versammlung von Unternehmern und Managern macht James Callaghan klar, daß eine Rückkehr zur freien Preisgestaltung nicht in Frage kommen könne, denn: „In den Augen der einfachen Bürger dieses Landes gehören Lohnbeschränkungen und Preiskontrollen zusammen.“ Der Labour-Premier hat aber auch Trost parat: Er verspricht eine Lockerung der Preisfesseln. Teil der Regierungsstrategie sei „die Erholung und Rentabilität des privaten Sektors der britischen Industrie, um eine Volkswirtschaft mit hohen Löhnen, hoher Produktion und hoher Beschäftigung zu erzielen“.

Vor einem Gewerkschaftskongreß redet „honest Jim“ nicht mit anderer Zunge. Selbst die Metallarbeiter mit ihrem Stamm militanter Funktionäre hören von der Notwendigkeit des Profits, ja, daß die Profite zu niedrig seien. „Wenn wir den Beschäftigungsgrad und unsere Wettbewerbsposition halten wollen, dann muß der Ertrag der eingesetzten Maschinen und Anlagen ausreichend sein, um neue Investitionen zu erlauben.“

Aber auch für dieses Auditorium hat Callaghan freundliche und aufmunternde Worte. Er dankt den Gewerkschaftern schon jetzt im Namen aller Hausfrauen, daß die Aktion Lohnbeschränkung im nächsten Jahr die Inflationsrate abermals halbieren werde. Und er verspricht dieser Gewerkschaft mit ihren vielen Facharbeitern, daß es mit der Nivellierung der Einkommensabstände nicht ewig weitergehen werde.

Mit verbalen Mischungen dieser Art präsentiert sich Callaghan bewußt als ein Mann der „vernünftigen Mitte“, uninteressiert an ideologischen Höhenflügen, vielmehr den Problemen des Alltags zugewandt. Eine solche praktische Aufgabe ist für ihn, die hohe Inflationsrate herunterzubringen, um der britischen Wirtschaft wieder ein höheres Maß an Stabilität zu geben. Da die Inflation nach herrschender Auffassung mit den Lohnexzessen des letzten Jahres zusammenhängt, muß hier der Hebel angesetzt werden. Dazu braucht man die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften.

Diese auf das Schlagwort „Kooperation statt Konfrontation“ gebrachte Politik wird gefeiert, wenn am 16. Juni ein Sonderkongreß der Gewerkschaften mit großer Mehrheit den Lohnpakt einsegnen wird, den ein kleiner Kreis von Gewerkschaftsführern mit der Regierung Callaghan ausgehandelt hat. Die Gewerkschaftsführer haben eine Senkung des Lebensstandards ihrer Mitglieder akzeptiert; die Regierung machte Zugeständnisse hauptsächlich auf dem Gebiet der Beschäftigung, der Rechtsstellung der Gewerkschaften und der Steuerpolitik.

Die Kooperation soll jedoch viel weiter gehen. David Basnett, einer der gewerkschaftlichen Verhandlungsführer, bringt es auf die Formel: „Wir haben eine Stimme im Entscheidungsprozeß. Wir nehmen an der Steuerung der Wirtschaft teil, und wir reden bei der Festlegung der sozialen Ziele mit.“ Die Gewerkschaften, der „industrielle Arm der Labour-Bewegung“, sind im Machtzentrum britischer Politik angelangt.