Naher Osten

Von Andreas Kohlschütter

Damaskus‚ im Juni

Sie kommen nicht, sie kommen, sie kommen nicht... Das allabendliche Beiroter Roulettespiel ist entschieden. Rien ne va plus. Die Syrer sind da.

Zusammen mit den syrischen Invasionstruppen sind auch die beiden Großmächte nach langem Zaudern und Zagen auf der von libanesischen Scheinwerfern grell angeleuchteten Nahost-Bühne wieder in Erscheinung getreten. Von der Cento-Tagung in London aus verkündete Henry Kissinger, der Augenblick sei günstig und die Zeit reif für einen Neuanlauf der stagnierenden Bemühungen um eine nahöstliche Konfliktsregelung. Nicht mehr durch eine Schritt-für-Schritt-Diplomatie, sondern durch eine umfassende, alle Streitfragen des arabisch-israelischen Dossiers zusammenschnürende Friedensstrategie. Und Ministerpräsident Kossygin packte überstürzt seine Koffer, um in Bagdad, vor allem in Damaskus die sowjetische Werbetrommel zu rühren für einen „gerechten und dauerhaften“ Nahost-Frieden, ebenfalls im Rahmen einer „Globallösung“.

So hat sich das Libanon-Beben in immer größeren Kreisen ausgebreitet, denen sich nun auch Amerika und die Sowjetunion länger nicht entziehen können. Der Bürgerkrieg, der im April 1975 als Lokalfehde zwischen rivalisierenden Polit-, Religions- und Feudalclans begann, wurde zum regionalen Konfliktherd. Die Leuchtspuren des brennenden Libanon führten immer tiefer ins arabische Hinterland hinein. Die durch die innerlibanesische Krise freigesetzten politisch-ideologischen Kräfte erzeugten schwere innerarabische Spannungen, die ihrerseits immer neue Beiruter Explosionen auslösten.

Unter den Libanon-Trümmern wurden jetzt sämtliche Restbestände der arabischen Aktionseinheit des „Großen Oktobers 1973“ begraben, jener Einheit, die bereits durch das Sinai-Abkommen vom Herbst vergangenen Jahres angeschlagen worden war. Ein Bild abgrundtiefer Zerrissenheit tut sich auf: Im Libanon proben arabische Linksextremisten die Revolution gegen ein arabisches Establishment. Araber schossen auf Araber, Palästinenser auf Palästinenser. Kairo ließ sich zu einem Stellvertreterkrieg gegen Damaskus hinreißen und Assad zu einer blutigen Ruhe- und Ordnungsexpedition gegen alle, die sich ihnen in den Weg stellen. Es kam so zu abrupten, ganz Arabien destabilisierenden Front- und Allianzwechseln: