Die Nato kann auf ihr Mitglied im Mittelmeer-Raum nicht ohne schwere Einbuße verzichten

Von Lothar Ruehl

Brüssel, im Juni

Zwei Beispiele deuten auf die Probleme des westlichen Verteidigungsbündnisses mit einem Italien, an dessen Regierung die Kommunisten teilhätten: Island und Portugal. Beide Staaten haben ein Charakteristikum gemeinsam: Es handelt sich um kleine Länder, beide halten für die Nato-Verteidigung gegenüber der Sowjetunion wesentliche geostrategische Positionen. Italien hat – wie auch Spanien – mit ihnen diese geographische Bedeutung gemeinsam. Aber ähnlich wie Spanien, das der Nato nicht angehört, handelt es sich bei dem Nato-Mitglied Italien um ein großes und volkreiches Land Westeuropas, dazu um eine für die europäische Kultur und Geschichte exemplarische Nation.

Diese Qualität Italiens und sein Gewicht in Europa ziehen einem politischen Vergleich mit Portugal oder Island Grenzen. Der Unterschied zwischen einer kommunistischen Partei an der Regierung eines Volkes von 55 Millionen Menschen, wie in Italien, oder von neun Millionen, wie in Portugal, spricht für sich selbst. Doch für die Verteidigung Westeuropas, für die Sicherheit im Mittelmeer und an der Südostflanke des westlichen Bündnisses, für die strategische Situation des Balkans und damit auch für die Sicherheit Griechenlands, Albaniens und Jugoslawiens liegt die besondere Bedeutung Italiens militärstrategisch zunächst in seiner geographischen Situation im Zentrum des Mittelmeers.

Von Italien aus können beide Meerbecken militärisch leicht kontrolliert, kann der Seeweg zwischen ihnen überwacht und gegebenenfalls gesperrt, kann die arabische Gegenküste mit See- und Luftstreitkräften ohne besonderen Aufwand blockiert werden. Für diese Zwecke nutzt die Nato Italien als den größten und den zentralen Stützpunktträger in Südeuropa. Der italienische Stiefel ist das Rückgrat der Nato-Südostflanke. Diese Situation bedeutet, daß Italiens geographischer Bündniswert nicht allein mit Verteidigung gegen eine Bedrohung Europas im Mittelmeerraum umschrieben ist, sondern daß auch offensive Operationen in diesem Raum Italien als optimale Ausgangsbasis nutzen können. Damit ist die politische Empfindlichkeit dieser strategischen Position bezeichnet.

Wenn etwa eine von Kommunisten beeinflußte Regierung in Rom erklären sollte, sie würde Italiens Nato-Verpflichtungen einhalten, solange und soweit sie der Verteidigung des Landes dienten, würden die Nato-Partner sich – ähnlich wie im Falle Griechenland oder der Türkei – einem schwierigen Definitionsproblem ihrer Bündnispolitik gegenüber sehen. Die Sicherheit Italiens im engeren Sinne würde in den meisten Fällen nicht früher als die Sicherheit anderer Bündnis-, länder berührt werden, jedenfalls nicht unmittelbar, es sei denn, direkt von der Balkanhalbinsel her über die Adria.