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Kiel oder Bonn – für Gerhard Stoltenberg geht es am 3. Oktober, dem Tag der Wahlen für den Bundestag, um eine echte Alternative. Fünf Jahre lang war sein Leitsatz „Kiel und Bonn“. Jetzt muß er sich entscheiden, denn der ständige Tanz auf zwei Hochzeiten ist auch für ihn auf Dauer nicht durchzuhalten. Stoltenberg macht kein Hehl mehr daraus, daß er nach der Oktoberwahl in jedem Fall beide Füße auf das politische Parkett der Bundeshauptstadt setzen will, öffentlich weist der 47jährige Unionspolitiker der ersten Reihe lediglich auf sein Alter und darauf hin, daß es für ihn denkbar wäre, auch im Falle einer Unionsniederlage auf den Oppositionsbänken in Bonn Platz zu nehmen.

In der Tat bleibt Stoltenberg keine andere Wahl, wenn er weiterhin auch bundespolitisch mitmischen will. Das mag eine Zeitlang hingegangen sein, solange nämlich, als in Bonn kein kompetenterer Wirtschaftssprecher in der Unionsriege aufzutreiben und in Kiel kein besserer Regierungschef in Sicht war. Doch an beiden Orten sind Stoltenbergs Konturen blasser geworden. Mit Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht ist plötzlich „das neue Gesicht der Union“ entdeckt worden. Stoltenberg ist nicht mehr der Benjamin der Union, der, in welcher Funktion auch immer, das Prädikat „jüngster“ voransetzen durfte. Hinzu kommt, daß der in jahrelanger Brüsseler Kleinarbeit geübte Albrecht als exzellenter Wirtschaftler gilt; hier also wächst für Stoltenberg echte Konkurrenz heran. Er müßte schon nach dem Hase-und-Igel-Motto „Ick bün all door...“ so schnell wie möglich nach Bonn, wenn ihm Albrecht nicht zuvorkommen soll.

Zum anderen wird die Kritik an Stoltenbergs Regierungsarbeit in Kiel zunehmend lauter. In einer rührend formulierten Laudatio gedachte Stoltenbergs ehemaliger Landwirtschaftsminister und Stellvertreter Ernst Engelbrecht Greve kürzlich der Leistungen seines Chefs. Doch man merkte den Formulierungen des freiwillig aus dem Amt geschiedenen Landwirtschaftsministers an, daß er einige Mühe hatte, diese Leistungen auch an Fakten zu binden. So hob er denn auch die Staatsbesuche der Königin von Dänemark und des Königs von Norwegen als historische Taten hervor.

Es fällt nicht schwer, aus der Regierungserklärung des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten von Ende Mai 1971 den Unterschied zwischen Versprechen und Versagen herauszulesen. Stoltenberg versprach zum Beispiel eine Stärkung der Finanzkraft der Kommunen. Tatsächlich jedoch wurden die Kommunen über eine restriktive Kürzung des kommunalen Finanzausgleichs an den Bettelstab getrieben. Stoltenberg versprach einen zügigen Ausbau der Hochschulen; der kürzlich ergangene Planungsstopp für den Bau einer Technischen Hochschule in Flensburg dokumentiert das Gegenteil. Noch zwei Wochen vor der Landtagswahl 1975 hatte Stoltenberg persönlich den ersten Spatenstich für einen Gebäudetrakt der TH vorgenommen. Die Stadt Flensburg indessen, die durch Grundstücksaufkäufe finanziell erhebliche Vorleistungen erbracht hat, fühlt sich verprellt.

Die jüngste wirtschaftspolitische Blamage hat Stoltenberg mit der Ablehnung eines Ausbaus der Büsumer Hafeneinfahrt hinnehmen müssen. Seit Jahren schon wird die Verbreiterung, die für das wirtschaftliche Überleben der dortigen Schiffswerft unabdingbar ist, gefordert. Doch der Regierungschef, der stets seine große Sorge um die Förderung der mittelständischen Wirtschaft betont, behält hier den Daumen auf der Kasse. Statt dessen wird bei der Mammutwerft Howaldt in Kiel der Landesanteil am Grundkapital um rund 12 Millionen Mark erhöht. Zuvor war ebenfalls durch das Engagement der Landesregierung der Bau des Riesendocks ermöglicht worden. Auch dies eine Investitionsruine, denn Großtanker sind nicht mehr gefragt.

Stoltenberg hat die rechte Lust am Regieren in der Provinz verloren. Menschliche Bindungen hat der sehr zurückhaltende Ministerpräsident ohnehin hier kaum finden, können, sein Regierungsstil ist von einer nüchternen Sachlichkeit bestimmt. Mehr als eben nötig wird nicht gesprochen. Dafür hat Stoltenberg jedoch zuviel versprochen – nicht nur anderen, wohl auch sich selbst. Seine Wahlparole heißt jetzt: Bonn statt Kiel.

Rainer Burchardt