Präsident Kekkonens Neutralitätspolitik

Von Sepp Binder

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sprach ein Abgeordneter im finnischen Reichstag von der Selbstverständlichkeit, daß Finnland seine Eigenständigkeit als sowjetischer Anrainer bewahren konnte. Der damalige Ministerpräsident, Juho Kusti Paasikivi, forderte daraufhin den Parlamentarier auf, nach Hause zu gehen, eine Landkarte zu holen und nachzusehen, wo Finnland eigentlich liege.

In der jetzt erschienenen. Bilanz einer langen politischen Laufbahn schildert Finnlands Staatspräsident seit 1956

Urho Kekkonen: „Finnlands Weg zur Neutralität. Reden und Ansprachen“; Econ Verlag, Düsseldorf/Wien 1975; 224 S., 32,– DM

die bittere und zugleich unstreitige Tatsache, daß kleine Völker in geographisch exponierter Lage am Rande einer Supermacht ihre Selbständigkeit „jeden Tag neu erobern“ und „mit täglichen Opfern neu verteidigen“ müssen. Kleine europäische Staaten galten schon oft nur als Bauern auf dem Schachbrett internationaler Politik. Sie wurden eher als Objekte der Großmächte denn als Herren ihres eigenen Schicksals betrachtet, vom Atem der Geschichte häufig schnöde vom Brett gefegt.

Träfe dies zu, so wäre es sinnlos, über Finnlands außenpolitischen Kurs nachzudenken, der weder selbstverständlich ist noch von außen vorgezeichnet. Vielmehr hat sich das Land vor allem dadurch behauptet, daß brillante Staatsmänner die finnischen Interessen auf diplomatischem Wege durchzusetzen vermochten. Tatsächlich eignet sich gerade die finnische Geschichte als Studie über Krieg, Friedensschluß und Bewahrung des Friedens.