Im "Merian" war vor kurzem noch zu lesen, die Stadt sei "eben kein Museum, ganz und gar nicht. Auf der Kirchhofsmauer rund um Jakobi sitzt Jung-Goslar wie die Spatzen auf dem Zaun, nur viel bunter". Wenig später stand in einem Leserbrief an die "Goslarsche Zeitung", "die auf der Mauer gammelnden Jugendlichen zerstören das Stadtbild und das Ansehen der Stadt Goslar. Weg, mit der Mauer!" Nun ist sie weg. Die Stadt hat sie in der vorigen Woche abreißen lassen.

Sie paßte nicht in das schlanke Konzept, für das der Stadtbaurat E. D. Kohl das Wort "Attraktivierung" erfunden hat. Es stellt sich, vergegenständlicht, in einer Fußgängerzone dar, die vom Bahnhof bis zum berühmten Marktplatz (auf halbem Wege zur Kaiserpfalz) reicht. Ihr geographischer Mittelpunkt ist der platzgroße Kirchhof von St. Jakobi; jetzt droht er auch zum kommerziellen Zentrum zu werden und den Markt mit dem Rathaus zu entwerten. Das Ereignis wird so ernst genommen, daß die Landesdenkmalpfleger der Bundesrepublik soeben in einer Resolution heftig Front dagegen machen.

Haben Planungschefs andernorts Mühe, ihre Städte vor renditegierigen Investoren einigermaßen zu bewahren und nicht die ganze Historie an sie zu verlieren, so hat Goslar umgekehrt Angst davor, das zwanzigste Jahrhundert zu verpassen und in einem Stiefmütterchendasein als Mittelaltermuseum zu verkümmern. Daher eifert die Stadt krampfhaft nach "Attraktivitätssteigerung und Lagewertanhebung" ihres ohnehin belebten Zentrums und beschwört gerade das herauf, was andere Kommunen hart bedrängt: die Kommerzialisierung der Altstadt auf Kosten ihres Charakters, der ja nicht zuletzt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist: Die bei weitem meisten Besucher kommen nach Goslar um des hervorragend erhaltenen, geschlossenen Stadtbildes willen. Tatsächlich hat es sich niemals entscheidend verändert. Mangelnder Reichtum hatte die Bürger fast immer zur Erhaltung des Vorhandenen gezwungen, weder Krieg noch Spekulantentum machten ihrem Ort zu schaffen, vor allem blieb er als Wohn- und zugleich Gewerbestadt intakt.

Das indessen war der Stadtverwaltung zuwenig. Sie weist darauf hin, daß Goslar nach einer Gebietsreform um einige Gemeinden gewachsen sei und obendrein das "Hauptzentrum" für 150 000 Einwohnef der Umgebung darstelle; der Stadtbaurat sieht die Gefahr einer "Umkehrung des Zentrums" nach außen, in Einkaufszentren am Stadtrand, und die gelte es zu verhindern.

Zugleich aber will er noch etwas anderes. Er betont das Recht der Stadt auf einen "eigenverantwortlichen Gestaltungswillen", das heißt, er will dem Stadtbild den Stempel der Gegenwart aufdrücken. Man denkt da an den Spruch des feurigen alten Denkmalpflegers Kurt Seelecke, der die Devise "Bewahren und gestalten" angesichts so vieler schrecklicher Verirrungen überall umgewandelt hat in den Aufruf: "Bewahrt uns vor den Gestaltern!"

In Goslar ist einer am Werk. Was die Konservatoren an seinem Fußgängerbereich auszusetzen haben, ist ja nicht bloß, daß dabei eine alte Mauer um einen alten Kirchhof gefallen ist, sondern daß damit unweigerlich die Nivellierung des Straßen- und Platzbildes einhergeht. Diese Gleichmacherei wird hier am meisten spürbar.

Diese Mauer hatte ursprünglich den Kirch-Friedhof eingefriedet, war in den fünfziger Jahren neu errichtet worden, um die tiefliegende Kirche vor Feuchtigkeit zu schützen. Sie war, schon ihrer zentralen Lage und der Nachbarschaf: des Gymnasiums wegen, ein unauffälliges, ungeplantes Stimulans für "Kommunikation". Zwischen Mauer und Kirche wuchs unter schattigen Bäumen Gras, eine Art städtischer Oase, bei der nur ein bißchen Phantasie notwendig gewesen wäre, um sie einladender zu machen.