Die Washingtoner Enthüllungs-Storys fügen sich mehr und mehr zu einem gigantischen Sammelband über menschliche Unzulänglichkeiten. Keine irdische Schwäche, die im Laufe der jahrelangen Aufräumungsarbeiten nicht ans grelle Tageslicht gezerrt worden wäre. Machtrausch und Niedertracht? Sie wurden im bisher umfänglichsten Kapitel „Watergate“ von allen Seiten beleuchtet. Über die Bestechlichkeit auch höchster Chargen gab die kurze Abhandlung mit dem Stichwort Spiro Agnew überzeugend Auskunft. Wer. sich für Mord und Totschlag interessierte, kam bei den Geschichten über die Geheimdienste voll auf seine Kosten. Unter dem Titel „Lockheed“ war alles darüber zu erfahren, was sich mit Geld anstellen läßt. Nur das Thema Sex blieb bisher unvollendet. Es scheint, daß die Affäre Wayne Hays nun die fehlende Pointe liefert.

Der als besonders rechtschaffen geltende Abgeordnete ist durch die Liebschaft mit seiner Sekretärin ins Gerede gekommen. Sie wurde vom Kongreß als Schreibkraft bezahlt, obwohl sie weder tippen noch andere Büroarbeiten leisten konnte. Daß er sich eine Mätresse auf anderer Leute Kosten hielt, wird Hays übelgenommen. Er repräsentiert nun den Nassauer in einer Typologie von Liebhabern, die andere prominente Namen aufweist: John F. Kennedy wird als der sexuelle Nimmersatt beschrieben, der einflußreiche Abgeordnete Mills hat sich im Umgang mit einer Stripteuse als Exhibitionist profiliert, und selbst der staubtrockene Nixon soll sich als schüchterner Freier an eine Diplomatengattin herangemacht haben.

Was ist Dichtung, was Wahrheit bei diesen Liebesgeschichten? Das wird sich wohl nie belegen lassen. Das letzte Dunkel in den Schlafzimmern der Hauptstadt können auch die eifrigsten Enthüller nicht durchdringen. Das ist auch gut so. Doch zumindest eine Behauptung haben sie mehr und mehr entkräftet: Washington ist längst nicht so langweilig, wie es immer schien. D. B.