Der langaufgeschossene Alexander Pusch legt seine Stirn ein wenig in Falten: „Eigentlich war ich enttäuscht. Während andere Indianer spielten, war es mein Kindheitstraum, in einer richtigen Ritterrüstung mit dem Schwert zukämpfen. Als ich dann das erstemal mit 13 Jahren auf der Fechtmatte stand, in der weißen Fechterausrüstung und dem Florett in der Hand, da hätte ich am liebsten wieder aufgehört. Das war eigentlich nicht das, was ich wollte.“

1975, sieben Jahre später, empfing ihn seine Heimatgemeinde Tauberbischofsheim nach den Weltmeisterschaften in Budapest als Weltmeister im Degenfechten, den ersten, den Deutschland jemals stellte. Was ihn damals hielt? „Der Anfang war schwer, aber mein Trainer von damals, Thomas Bach, hat mir viel geholfen. Es stellten sich die ersten Erfolge ein, 1972 kam ich zum erstenmal ins Finale der deutschen Schülermeisterschaft. Und dann waren da noch die schönen vielen Reisen, die mich ungeheuer reizten.“

Der FC Tauberbischofsheim, heute Inbegriff in aller Welt für das Degenfechten, wurde damals zur zweiten Heimat für den im Kindesalter stehenden Alexander, als dessen Vater tödlich verunglückte und seine Mutter alle Mühe hatte, ihn und seinen Bruder Matthias durchzubringen, der sich später als Florettfechter Meriten erwarb. Schon damals wirkte dort ein Mann nebenamtlich als Trainer: Friseurmeister Emil Beck, der 1970 Bundestrainer der deutschen Degenfechter wurde und sie in sechs Jahren zur internationalen Spitzenklasse führte.

„Über Thomas Bach und Horst Held kam ich 1971 ins Nationalkader und damit unter die Fittiche von Emil Beck, der großen Einfluß auf meine Laufbahn als Fechter nahm. Er ist energisch und arg genau bei seiner Arbeit, sein großer Ehrgeiz hat mich selbst immer wieder angestachelt.“ So war der Aufstieg des jungen Alexander eigentlich vorprogrammiert. 1973 gewann Becks Truppe die Mannschaftsweltmeisterschaft – noch ohne ihn – 1974/75 aber stand Alexander beide Male in der Vizeweltmeistermannschaft und erstaunte die Konkurrenz mit seinem Einzelsieg in Budapest. „Meistermacher“ Beck ist selbst überrascht über seinen talentierten Schüler: „In der Regel braucht man, um absolute internationale Spitze zu werden, acht bis zehn Jahre. Alexander hat es in nur sieben Jahren geschafft. Wenn er weiter bei der Stange bleibt, kann er noch zweimal an Olympischen Spielen mit guten Chancen teilnehmen.“

Vor allem wohl, wenn er weiter so ehrgeizig bleibt. Der anfeuernde Ruf: „Alex geier richtig“ hat immer wieder seine Wirkung: Pusch, der eine ausgesprochen kämpferische Natur besitzt und selbst bei großem Rückstand kein Gefecht verloren gibt, stürzt sich wie ein Geier auf seinen Gegner. Diese spontanen, aber doch wohlbedachten Angriffe sind inzwischen gefürchtet... und erfolgreich. Seit drei Jahren gibt es kaum ein Turnier, bei dem Pusch nicht im Finale stand. Kein Wunder, daß die Schweden, die Schweizer und die Sowjets bei der olympischen Prognose für Montreal diesen jungen Mann aus Tauberbischofsheim mit ins Kalkül ziehen.

Pusch selbst gibt sich im Hinblick auf Montreal und seine Chancen sehr zurückhaltend, er hat seine bescheidene Art auch nach den großen Triumphen auf der Planche nicht aufgegeben. „Gerade im Degenfechten gibt es eine breite Masse echt guter Fechter. Ich würde sagen, daß mein Ziel in Montreal zuerst einmal ist, die Runde der letzten 24 zu erreichen, also die vorletzte Runde in der direkten Elimination. Fliege ich dann aus dem Wettbewerb, dann habe ich eben Pech gehabt.“ Er sieht sich nicht gern in die Rolle des großen Favoriten gedrängt, auch Beck hebt abwehrend die Hände. Doch der Schwede Hans Jacobsson, der Pusch im Mai beim „Heidenheim-Pokal“ im Stichkampf um den Turniersieg bezwingen konnte, zählt ihn zu den ersten Medaillenanwärtern. „Ich erwarte ihn im Finale. Und dann wird er erst richtig gefährlich.“

Alexander Pusch ist auch als Weltmeister der nette Junge von nebenan geblieben. Er dient zur Zeit als Gefreiter beim Artillerie-Regiment in Tauberbischofsheim. Die Schreibstube allerdings sieht ihn nur bis zum Mittag, dann geht es alltäglich zum vier- bis fünfstündigen Training unter Becks Aufsicht in die Halle. Finanziell auszustehen hat Pusch nichts. Neben dem Wehrsold kommen durch die Sporthilfe und auch den Deutschen Fechter-Bund rund 400,– Mark monatlich zusammen.