Die französischen Kommunisten markieren immer deutlicher ihren Abstand zu Moskau. Doch die Italiener sind ihnen in dieser Beziehung weit voraus.

Eigentlich sollte die Kundgebung der französischen Kommunisten mit Italiens KP-Chef Enrico Berlinguer zu einer großen Demonstration der Gemeinsamkeit werden. Doch trotz eines Propagandawirbels ohnegleichen gelang die Beschwörung eines neuen „Eurokommunismus“ nur im Ansatz. Das Auftreten Berlinguers im ehemaligen Schlachthof von La Vilette wurde zwar als historisches Ereignis gefeiert; doch im Grunde machte es vor allem deutlich, wie groß die Unterschiede zwischen Italiens und Frankreichs Kommunisten nach wie vor sind.

Berlinguer verzichtete weitgehend auf Polemik und präsentierte sich als Intellektueller mit Gespür für Zwischentöne. Gastgeber Georges Marchais wirkte dagegen wie ein Bauernfänger, der plump mit altbekannten Parolen hausieren ging. Nicht Berlinguer, sondern Marchais hielt eine Wahlkampfrede. Der Italiener bekannte sich zur Zusammenarbeit aller demokratischen Parteien, wobei er die Christlichen Demokraten ausdrücklich einschloß. Ebenfalls keinen Beifall erntete er bei den französischen Genossen für die Versicherung, die Zugehörigkeit zu Nato und Europäischer Gemeinschaft sei, weil unbestritten, kein Diskussionsgegenstand.

Sicher wären viele französische Bürgerliche eher bereit, einem Berlinguer als einem Marchais Glauben zu schenken. Das liegt nicht nur an der unterschiedlichen Persönlichkeit beider Parteiführer. In Frankreich überwiegt auch der Eindruck, daß die KPF in kürzester Zeit all das an Selbständigkeit nachholen möchte, was die KPI in einem jahrelangen Prozeß heranreifen ließ. Deshalb gilt Berlinguer heute in Paris als eine Art Schutzpatron der eigenen Reforn, dessen Segen hochwillkommen ist.

Heute gibt es keinen Zweifel mehr daran, daß die Autonomie-und Modernisierungsbestrebungen der EPF auf dem Parteikongreß Anfang Februar keine Eintagsfliegen waren. Mit der Eliminierung des Begriffs „Diktatur des Proletariats“ wurde ein Weg angeschlagen, den Moskau wiederholt offen kritisierte. So zensierte etwa die Prawia Marchais’ Parteitagsrede. Die Franzosen scheuten sich nicht, ihre Thesen auch beim Kongreß der sowjetischen KP vorzutragen. Die Parteizeitung L’Humanité veröffentlichte sogar eine Kritik in Lenin aus der Feder eines französischen Zentralkomitee-Mitglieds. Auf sowjetische Klagen über Opportunismus, Nationalismus und Revisionismus in den eigenen Reihen konterte die KPF, sie lasse sich von niemandem, auch nicht von Moskau, eine Strategie vorschreiben.

Stimmengewinne brachte die ideologische Neuorientierung den französischen Kommunisten bisher allerdings nicht ein. Als der KP-Kandidat bei Nachwahlen in Tours Terrain einbüßte, verkündete die Prawda das mit fast unverhohlener Genugtuung. Dennoch wird die Parteispitze nicht müde, den „Sozialismus in den Farben Frankreichs“ zu preisen. Er scheint – vor Jahresfrist noch undenkbar – neuerdings sogar mit dem Prinzip der französischen Atombewaffnung vereinbar. Und Anfang Mai ließ die KPF bei einem Besuch Henry Kissingers in Paris wissen, sie sei an „echten Beziehungen der Freundschaft und der Kooperation mit den Vereinigten Staaten“ interessiert.

Immer wieder ist davon die Rede, der neue Kurs habe sich an der Basis noch nicht durchgesetzt. Doch nach außen dringen solche Widerstände gegen die offizielle Linie nicht. Einzig einige marxistische Theoretiker haben öffentlich ihre Bedenken angemeldet. So warnte der Philosoph Louis Althusser vor den „Risiken eines Ausbruchs nach rechts“. Selbst diese Kritik beweist den Wandel: Was vor ein paar Jahren noch zum Parteiausschluß geführt hätte, wird heute in der Parteipresse veröffentlicht.

Klaus-Peter Schmid