Von Michael Jungblut

Im südschwedischen Kallinge liegen Vergangenheit und Zukunft kaum mehr als hundert Schritte auseinander: die alte und die neue Gießerei von Kockums Jernverk.

„Haben Sie jemals darüber nachgedacht, warum Fabriken nicht aussehen wie andere Gebäude – wie Schulen, Kirchen oder Läden?“ Rolf Lindholm von der technischen Abteilung des schwedischen Arbeitgeberverbandes in Stockholm beantwortet die Frage selbst: „Weil die Allgemeinheit glaubt, dies müsse so sein. Aber das ist ein Vorurteil. Der eindrucksvollste Beweis dafür ist wohl die Gießerei in Kallinge.“

Wer Sinn für industrielle Romantik hat, für den mag ein Besuch in der rußgeschwärzten Halle der alten Gießerei mit den im Halbdunkel geheimnisvoll aus Schmelzöfen, Tiegeln und Gußformen leuchtenden, rotglühenden Eisen das größere Erlebnis sein. So ähnlich könnte auf einer Opernbühne der Vorhof zur Hölle dargestellt werden. Diejenigen, die dort Tag für Tag in Staub, Hitze und Lärm ihre schwere Arbeit tun müssen, sehen ihre Umgebung wohl mit anderen Augen. Jedenfalls wird es auch in Kallinge immer schwerer, Arbeitskräfte für die alte Gießerei zu bekommen – obwohl das Werk nach herkömmlichen Begriffen bereits sehr umweltfreundlich ist.

Würde dagegen jemand unvorbereitet die neue Werkhalle betreten, käme er sicherlich nicht sofort auf den Gedanken, daß es sich hierbei um eine Gießerei handeln könnte: Der ganze Raum und die Maschinen sind in hellen, freundlichen Farben gestrichen; große Fenster erlauben von jedem Standpunkt einen Blick ins Freie; die Luft ist frisch und ebenso wie Maschinen, Treppen und Geländer staubfrei; wer etwas zu sagen hat, muß es dem Gesprächspartner nicht ins Ohr brüllen, sondern kann sich einer normalen Lautstärke bedienen; kein beißender Geruch macht das Atmen schwer.

Als 1973 beschlossen wurde, die Kapazität der Eisengießerei auf 22 000 Tonnen zu erweitern, kämpfte auch Kockums mit dem Problem, mit dem sich die meisten schwedischen Unternehmen herumplagen müssen: hohe Kündigungsraten und häufiges Krankfeiern. „Wir haben uns damals gesagt, daß wir versuchen müssen, den Arbeitsplatz so angenehm zu machen, daß niemand mehr weggehen will, und die Arbeit so interessant, daß keiner mehr Lust hat, den ganzen Tag zu Hause zu hocken“, berichtet der Gießerei-Manager Rudolf Sillen.

Daher wurde eine Projektgruppe gebildet, der Kaufleute, Techniker, Sicherheitsingenieure, Mediziner und Arbeiter angehörten, um die Gestaltung der Anlage zu diskutieren. „In diesem Kreis wurden die Ideen für die neuartige Produktionsanlage Schritt für Schritt entwickelt“, erinnert sich der Techniker Olle Sjögren. „Einige Teile der Anlage mußten von uns selbst konstruiert werden, weil wir auf dem Markt nichts Passendes fanden.“