Zum erstenmal seit anderthalb Jahren gibt es in der Bundesrepublik wieder weniger als eine Million Arbeitslose. Das klingt gut, doch zum Jubeln besteht kein Anlaß – selbst die These des SPD-Sprechers, die Entwicklung am Arbeitsmarkt signalisiere eine „positive Konjunkturentwicklung“, ist schon reichlich vorlaut. Denn die wirklich bedeutsame Nachricht vom Arbeitsmarkt besagt ja nicht, daß die Zahl der Beschäftigungslosen nunmehr unter einer Million liegt, sondern vielmehr, daß sie sich selbst im Mai, einem traditionellen Wonnemonat der Konjunktur, noch auf 953 000 beläuft.

Das mag nach kleinlicher Rechthaberei klingen. Aber es ist wohl angebracht, vor konjunkturpolitischer Euphorie zu warnen. Denn im Zeichen der bevorstehenden Bundestagswahl und der fortgesetzten Diskussion über einen Einkommens-„Nachschlag“ für die Arbeitnehmer könnten aus solcher Euphorie allzuleicht Taten entstehen, die uns später leid tun würden.

Die wirtschaftliche Entwicklung in unserem Lande ist allenfalls gut genug, um die Bürger wieder zuversichtlicher zu machen und vielleicht auch die amtierende Bonner Koalition erneut an die Macht zu bringen. Ein bißchen Aufschwung ist da, wenn auch, wie Jürgen Ponto von der Dresdner Bank richtig gesagt hat, noch ohne rechten „Schwung“.

Denn anders als in früheren Belebungsphasen der konjunkturellen Entwicklung in unserem Land geben diesmal weder die Investitionen noch die Exporte die entscheidenden Impulse. Vielmehr ist es im wesentlichen noch immer nur der Verbrauch, auf den sich Hoffnungen stützen.

Noch sind die Kapazitäten der Investitionsgüter-Industrie nur schwach ausgelastet. Die Nachfrage nach neuen Investitionsgütern ist noch immer recht matt – im April war sie sogar etwas schwächer als im März. Die Hoffnung, daß von der „Basis“ unserer Wirtschaft bald zahlreiche neue Arbeitsplätze nachwachsen könnten, ist verfrüht. Im Gegenteil: Es ist sicher, daß wir bis zum Ende dieses Jahrzehnts mehr Arbeitslose haben werden als während des gesamten vergangenen Jahrzehnts.

Vor dem Hintergrund dieser Tatsachen ist es einigermaßen erstaunlich, daß die Diskussionen über einen „heißen Sommer“ der Einkommenspolitik so beharrlich anhalten. Und erstaunlich ist es vor allem, daß die Gewerkschaftsführungen mit all ihrem volkswirtschaftlichen Sachverstand diese Diskussionen nicht entschiedener abblocken.

Sie begnügen sich mit vorsichtigen diplomatischen Wendungen. So hat jetzt etwa der ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker erklärt, seine Gewerkschaft werde nur dann einen „Nachschlag“ fordern, wenn auch die Gewerkschaften der gewerblichen Arbeitnehmer darum kämpfen; von sich aus wolle er nicht die Initiative ergreifen. Der Insider versteht: Kluncker will keinen vorgezogenen Verteilungskampf. Ob derart subtile Äußerungen aber auch den Müllwerkern eingehen, kann bezweifelt werden.