Den ersten Sprung tut der Maestro nach neun Minuten und 50 Sekunden: Wenn in der dritten Symphonie von Roy Harris nach einer sehr breit angelegten Steigerungswelle der auf dem Höhepunkt einfallenden Pauke der Einsatz zu geben ist, geht Leonard Bernstein zum erstenmal in die Luft, eine halbe Fußhöhe vielleicht, um dann auf den Punkt genau des Taktschlages wieder auf das Podium aufzutreffen, in dem auch der Schlagzeuger den Akzent setzt.

Zwischendurch einmal eine Etüde im einbeinigen Steppen: die Mambo-Phase in seiner eigenen Suite symphonischer Tänze aus „West Side Story“ begleitet Bernstein durch präzises Kicken und Tippen, Hacke-Spitze in flottem Wechsel, des linken Fußes. Den Sprunghöhenrekord erreicht er an diesem Abend vor einen Fortissimoschlag in der gleichen Suite; an die vierzig Zentimeter hätte ich geschätzt: Zunächst geht er tief in die Hocke, nimmt gewissermaßen zwei Takte Anlauf, auf dem Wirbel der kleinen Trommel steigt er hoch, auf der Eins genau ist er wieder unten.

Er ist also noch der Alte, der Klangmagier wie der Showkünstler, der Mystiker wie der Dompteur. Vor allem aber ein Entertainer.

Wenn sie bei uns gastieren, die New Yorker oder die Moskauer, die aus Cleveland, Boston, Tel Aviv oder Budapest – wenn sie uns Beethoven bieten oder Brahms, Mozart oder Mendelssohn, fragen wir sie nach ihrer Musik, nach dem Boden- und Eigenständigen. Wenn sie dann mit Roy Harris kommen oder mit Tscherepnin, William Schuman oder Ernst von Dohnanyi, hätten wir sie doch lieber an unseren Großen gemessen.

Europatournee aus Anlaß des 200jährigen Bestehens der Vereinigten Staaten von Nordamerika – kann man überhaupt ein Land musikalisch repräsentieren, das sich bis heute vergeblich bemüht, sich von seinem europäischen Ursprung und Ansporn zu lösen und eine eigene Identität zu finden?

In der Tat bewegt sich Amerikas eigene Musik ständig wie ein Pendel hin und her: heute Imitation der europäischen Vorbilder, morgen strenge Isolation gegenüber allen Einflüssen; jetzt noch ständige und intensive Versuche, die Mittel und Techniken von Übersee zu adaptieren, gleich darauf das verzweifelte Fahnden nach eigenen Quellen, etwa nach einer Folklore in den eigenen Reihen. Und dort wiederum heterogene Fülle: schwarzer Jazz und weiße Lieder aus der Pionierzeit, südamerikanische Rhythmen und puritanische Kunstfeindlichkeit, kommerzialisierte Musical-Glätte und spinnerter Eklektizismus.

Und so bringen Leonard Bernstein und die New Yorker auf dieser ihrer Goodwilltour zum Bicentennial auch nur ein ziemlich wahlloses und krauses Sortiment aus dem US-Musik-Supermarkt mit: eine Portion Europanähe mit der an Hindemith erinnernden „Dritten Sinfonie“ des 1898 geborenen und in Paris ausgebildeten Roy Harris und von Aaron Copland, der, 1900 geboren, ebenfalls in Paris studierte, ein kräftiges Stück Nationalbewußtsein mit dem „Lincoln“ Porträt“. Das wunderschöne Pathos der ehernen Präsidentenworte, die darin zitiert werden – „Erst müssen wir uns selbst frei machen, und nur dann werden wir unser Land retten“, „Es geht um den ewigen Kampf zwischen Recht und Unrecht“ oder „... daß diese Nation mit Gottes Beistand eine Wiedergeburt der Freiheit erleben werde und daß die Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk nicht von dieser Erde verschwinden möge“ – hat es einigermaßen schwer, ein paar Erinnerungen an amerikanische Polit-Aktivitäten der jüngsten Jahre, die ohne Gottes Beistand geschahen, zu überspielen.