Seit Charles de Gaulle Frankreich eine Kernwaffenrüstung gab und das Land aus dem Militärverband der Nato zurückzog, hat die französische Armee nach einer rationalen Strategie gesucht. Bis zur Übernahme des Präsidentenamtes durch Giscard d’Estaing im Jahre 1974 begnügte sich Paris mit der Verkündung gaullistischer Dogmen über die Landesverteidigung in nationaler Souveränität, unabhängig von den Zwängen der europäischen Sicherheitslage. Aber es blieben die Zweifel an der Richtigkeit der offiziellen Militärdoktrin, aus der politisch die „souveräne Entscheidung“ über eine Beteiligung an einem europäischen Konflikt abgeleitet wird.

Der Chef des Oberkommandos, Armeegeneral Méry, hat nun diese Zweifel in der offiziösen Zeitschrift Defence Nationale unmißverständlich angesprochen. Der Widerspruch hingegen, geäußert vom langjährigen Armeeminister und späteren Premierminister Pierre Messmer, brachte die Reaktion der orthodoxen Gaullisten gegen Einsichten zum Ausdruck, die, wie in der Fabel, den Kaiser in seinen neuen Kleidern nackt erscheinen lassen.

General Mèry konstatierte, Frankreich könne sich trotz eigener Nuklearwaffen nicht auf eine Unversehrheit seines Territoriums verlassen; es könne sich keine neutralistische Haltung leisten. Der oberste Militär bezweifelte, daß, „in dem extremen Fall eines allgemeinen Zusammenbruchs um uns herum, der nationale Wille fortbestehen würde, auf die Drohung massiver Zerstörungen zurückzugreifen, selbst um unser Überleben zu sichern“. Auch sei ein solches Konzept der nationalen Abschreckung und Verteidigung mit dem Aufbau der europäischen Einheit im Westen nicht vereinbar.

Während, auch nach Mérys Thesen, Frankreich außerhalb des Militärverbands der Nato bleibt, wäre es nach den Worten des Generals „äußerst gefährlich“ für Frankreich, sich von einer ersten Schlacht im Vorfeld, wo seine eigene Sicherheit auf dem Spiel stünde, vorsätzlich fernzuhalten. Diese Position wurde auch nach dem Rückzug aus dem Militärverband der Nato prinzipiell in einem Abkommen von 1967 für den Fall einer Beteiligung Frankreichs an der Verteidigung der Verbündeten vorgesehen. Mèrys Ausführungen, die noch eine Reihe anderer wichtiger • Fragen betreffen, schließen sich an Äußerungen an, die Premierminister Chirac vor einem Jahr über die Notwendigkeit einer „nuancierteren“ Nuklearstrategie machte, als er der Heeresartillerie das taktische Atomwaffensystem Pluton übergab.

Während nun der Altgaullist Messmer behauptet, das militärische Denken der französischen Armee sei mit Mèrys Darlegungen „um zehn Jahre zurückgeworfen“, handelt es sich in Wahrheit um die erste vorsichtige Korrektur einer im Kriegsfall unhaltbaren nationalen Position. Diese Einschätzung beruhte nämlich stets auf der Annahme, daß die Geographie Frankreichs eine besonders bewegliche Sicherheitspolitik erlaube. Hinter dem westdeutschen Glacis und im Schutze der Nato, also der amerikanischen und der deutschen Armee, so glaubte Paris, bleibe Frankreich die Chance, den Status der bewaffneten Neutralität einzunehmen. Mèry, früher Chef des Militärkabinetts bei Giscard, hat mit seinen Thesen einen bedeutsamen Beitrag zur Strategie Frankreichs geleistet und damit auch eine Revision des politischen Verhältnisses seines Landes zur Nato signalisiert. Lothar Ruehl