Gierek sucht gute Nachbarschaft mit Bonn

Von Karl-Heinz Janßen

Die Geschichte holte ihn ein. Am Ehrenmal des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme, als Edward Gierek einen Kranz in den polnischen Nationalfarben – weiße Nelken, rote Rosen – niederlegte, muß ihn der Gedanke durchfahren haben, daß jede polnische Familie im Zweiten Weltkrieg einen Angehörigen verloren hat. Es ist, über dreißig Jahre nach Kriegsende, noch keine Selbstverständlichkeit, wenn der mächtigste Mann der Volksrepublik Polen nach dem Abschreiten einer Ehrenkompanie deutscher Soldaten in Habachtstellung dem Deutschlandlied zuhört. Vor der Geschichte ist nichts vergeben: Auschwitz, Treblinka, Warschauer Getto, Warschauer Aufstand. Vor der Geschichte ist nichts vergessen: Tannenberg, Annaberg, Jalta, Potsdam.

Die Geschichte wurde reichlich bemüht in diesen Tagen. Ehe Edward Gierek in Fuhlsbüttel gelandet war, hatte Helmut Schmidt, sonst kein Freund großer Worte, diesem Staatsbesuch schon "geschichtliche Tragweite" zugemessen. Noch kühner hörte sich die Ouvertüre aus Warschau an: die Zusammenkunft zwischen dem Führer der polnischen Kommunisten und dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland sei nur vergleichbar der Begegnung zwischen dem deutschen Kaiser Otto III. und dem ersten polnischen König Boleslaw Chrobry in Gnesen, ein Ereignis, das fast tausend Jahre zurückliegt. Vielleicht sollten die Vorschußlorbeeren vergessen machen, was diesem letzten Akt deutsch-polnischer Aussöhnung vorausgegangen war: Mißverständnisse, Unterstellungen, harte Verhandlungen.

Die Geschichte hat ihre eigenen Maßstäbe. In deutschen Schulbüchern wird man von Giereks Reise in den Westen nach tausend Jahren wohl kaum lesen. Allenfalls vom Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal im Warschauer Getto, jenem Zeichen von Schuld und Sühne, das in den Beziehungen zwischen Deutschen und Polen einen neuen Anfang setzte. Ob sich die Polen so spät noch an Giereks Besuch erinnern, wird davon abhängen, was die Freundschaft ihnen bringt, die der Parteichef in ihrem Namen den Deutschen in der Bundesrepublik angeboten hat. Doch Freundschaften unter Staaten verlangen ihren Preis, sie basieren auf Interessen. Gierek will nicht mit leeren Händen zurückkehren: Er rechnet auf riesige Kredite der deutschen Wirtschaft, mit denen gemeinsame deutsch-polnische Projekte zur Kohlevergasung und Kupfergewinnung finanziert werden sollen; er hofft auf Vereinbarungen, die noch mehr Käufer und Touristen ins Land bringen; er braucht eine vorweisbare Bestätigung für seine Politik der Öffnung nach Westen, um seinen pragmatischen Kurs gegenüber Ideologen und Nationalisten behaupten zu können.

Keine Brüder?

Die Geschichte verführt zu Vergleichen. Dem Ausgleich mit Polen gebührt ein ähnlicher Rang wie der Versöhnung zwischen den ehemaligen Erbfeinden Deutschland und Frankreich. Als Charles de Gaulle, ein Staatsmann mit Sinn für historische Dimensionen, vor vierzehn Jahren die Bundesrepublik besuchte, gab er den Deutschen ihr Selbstbewußtsein zurück, entlastete sie von der Kollektivschuld, sagte ihnen, daß sie ein großes Volk seien ("jawohl, ein großes Volk"). Gierek, ein Staatsmann, dessen Stärke Nüchternheit, nicht Pathos ist, verkündet dem Volk der Bundesrepublik lediglich, daß seine Landsleute es nun auch mit dem anderen Deutschland versuchen wollen. Doch diese Botschaft bedeutet viel für ein Volk, das seit alters her mit dem Sprichwort groß geworden ist: "Solange die Welt besteht, wird der Deutsche dem Polen niemals Bruder sein."