Bonn‚ im Juni

Als vor gut drei Wochen die Außenamtssekretärin Helge Berger festgenommen wurde, prophezeiten die Bonner Auguren, der nächste Spionagefall werde nicht auf sich warten lassen. Die Voraussage, eher auf Zynismus als auf Informationen gegründet, traf zu: Seit letzter Woche sitzen nicht weniger als 16 neue vermutliche Agenten vorläufig hinter Schloß und Riegel. Die Bundesanwaltschaft ließ durchblicken, daß es damit wohl nicht sein Bewenden haben werde.

Die Bonner Weissagungen entspringen einer gewissen Schicksalsergebenheit. Auch wenn es gegen ihre Berufsehre geht, räumen Verfassungsschützer und verantwortliche Politiker notgedrungen ein, daß gegen hervorragend qualifizierte, gründlich geschulte und auf lange Sicht für ihren Einsatz vorbereitete Agenten kaum ein vorbeugendes Kraut gewachsen ist. Günter Guillaume war die Inkarnation eines solchen Perspektivagenten: Unauffällig wurde er auf der Flüchtlingswelle aus der DDR in die Bundesrepublik geschleust, unauffällig arbeitete er sich hoch bis ins Kanzleramt.

Auch Renate Lutze, die zusammen mit ihrem Ehemann Lothar-Erwin Lutze und dem Referenten Jürgen Wiegel im Verteidigungsministerium enttarnt und in der letzten Woche verhaftet wurde, kam aus der DDR, aus Brandenburg an der Havel. 1959 tauchte sie in Bonn auf, 1966 wurde sie im Ministerium angestellt; im gleichen Jahr soll sie auch mit ihrer Späher- und Lauschertätigkeit begonnen haben. Auch hier paßt völlig ins Bild, daß sie als durchschnittliche Sekretärin galt, ohne besondere Merkmale, allenfalls etwas nervös. Und wie weiland Guillaume von seinen Wohnungsnachbarn, so wird jetzt auch das Ehepaar Lutze, das in einer Bonner Randgemeinde ein Haus bezogen hatte, von den Anrainern als sympathisch, ruhig und zurückgezogen lebend, beschrieben.

Nach verschiedenen Stationen auf der Hardthöhe, die sie unter anderem mit dem Büro des damaligen Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan in Berührung brachten, hat Frau Lutze schließlich im Vorzimmer des Leiters der Sozialabteilung, des Ministerialdirektors Herbert Laabs, gearbeitet. Staatsgeheimnisse gab es dort nicht auszuforschen, denn die Abteilung hat mit so profanen Dingen wie der Reform der Bundeswehrkantinen zu tun. Allerdings beschäftigt sie sich auch mit individuellen Sozialangelegenheiten, und da können Renate Lutze mancher Notfall und Streit, manche Schwäche und Verstrickung bekannt geworden sein – Ansatzpunkte, wie sie die Geheimdienste bei der Rekrutierung von Agenten mit Vorliebe ausnutzen. Außerdem wußte sie in großen Zügen, was in den Abteilungsleiterkonferenzen beredet wurde. Vielleicht hat ihr auch die fortdauernde gute Bekanntschaft, die der ehemalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt mit Laabs unterhält, manchen zusätzlichen Einblick verschafft.

Ihren Mann hat sie offenbar ins Ministerium nachgezogen. Auch für ihn gilt, daß er mit wichtigen Geheimnissen kaum vertraut geworden sein kann. Die Benzindepots und Pipelines etwa, mit denen er als Angestellter im Bereich Betriebsstoffwesen der Rüstungsabteilung zu tun hatte, lassen sich mühelos durch die moderne Luftaufklärung ausmachen. Der Angestellte Jürgen Wiegel schließlich befaßte sich in einem Referat des Marineführungsstabes mit Ausbildungsfragen und Dienstvorschriften – auch dies kein besonders heikles Aufgabengebiet.

Dennoch ist die Betroffenheit über Frau Lutzes Doppelrolle auf der Hardthöhe unverkennbar, werden ihr Mann und Wiegel als zwar „kleine, aber unangenehme Fische“ bezeichnet. Seit einigen Jahren richtet sich das Agenteninteresse in immer höherem Maße auf die Streitkräfte. Binnen kurzem ist der Anteil der Spionageversuche, die der Bundeswehr galten, von einem Drittel auf die Hälfte aller aufgedeckten Aufträge gestiegen. Einsatz-, Alarm- und Mobilmachungspläne sind, natürlich, am begehrtesten, danach Rüstungsdetails und waffentechnische Einzelheiten. Der am Wochenende festgenommene Firmenangestellte, die Nummer 16 unter den mutmaßlichen Spionen, hatte offenkundig mit den optischen Zielgeräten der jüngsten Baureihe des Kampfpanzers „Leopard“ zu tun, dessen Treffsicherheit von allen Militärs gerühmt oder gefürchtet wird.