Paris wagt sich nicht an eine ernsthafte Besteuerung der großen Vermögen heran

Premierminister Jacques Chirac, sonst nicht gerade einer der progressivsten, nannte das Kind beim Namen: "Manche Leute leben von ihrer Arbeit und müssen Steuern zahlen. Andere leben ausschließlich oder hauptsächlich von Gewinnen aus ihrem Kapital und werden nicht besteuert... Es geht darum, dieses völlig ungerechtfertigte Privileg einiger weniger einzuschränken."

In der Tat ist es in Frankreich nach wie vor ein fast ungetrübtes Vergnügen, reich zu sein. So gibt es im Lande der Egalite keine allgemeine Vermögensteuer. Kaum eine andere Industrienation leistet sich heute noch so viel Respekt vor den besseren Leuten. Auch die Erbschaftsteuer ist minimal. Sie erreicht höchstens 20 Prozent. In der Bundesrepublik liegt der maximale Steuersatz immerhin bei 50 Prozent, in den USA bei 77 Prozent.

Kein Wunder, daß die Verteilung der Vermögen auf die französischen Haushalte äußerst ungleich ist – noch ungleicher als die der Einkommen. Nach neuesten Untersuchungsergebnissen erzielt das bestsituierte Zehntel der französischen Bevölkerung ein Drittel aller Einkommen, besitzt aber über die Hälfte des Privatvermögens.

Relativ problemlos geht es noch beim Hausbesitz zu. Denn jeder zweite Haushalt ist Eigentümer der Wohnung, die er nutzt. Die Idee der Eigentumswohnung etwa ist in Frankreich viel älter als in der Bundesrepublik. Doch beim Besitz von Wertpapieren ist die Ungleichheit nicht zu übersehen: Nur neun Prozent der Haushalte besitzen 60 Prozent aller Wertpapiere. Beschränkt man das Beispiel auf Aktionäre, dann halten fünf Prozent der Haushalte 42 Prozent des gesamten französischen Aktienkapitals.

Wer Vermögen hat, hat in der Regel auch Einkünfte, etwa in der Form von Zinsen oder Mieten. Doch auch hier zeigt sich der Fiskus von seiner großzügigen Seite. Dividenden zum Beispiel bleiben unter bestimmten Bedingungen völlig steuerfrei. In der Praxis entgehen zwei Drittel der Erträge aus Wertpapierbesitz der Besteuerung – auf völlig legale Weise. Und bei Mieterträgen ist es absolut nichts außergewöhnliches, die Miete fürs Finanzamt niedriger anzusetzen, als sie in Wirklichkeit ist.

Wer mit seinem Vermögen spekuliert, kam bisher besonders gut weg, wenn er sich geschickt anstellte. Denn Spekulationsgewinne werden vom Fiskus nur in Ausnahmefällen als Einkommen eingestuft und damit der Einkommensteuer unterworfen. Wertpapier- und Goldspekulation ist praktisch steuerfrei. Nur beim Verkauf von Häusern und Grundstücken innerhalb von zehn Jahren nach dem Erwerb bittet der Fiskus zur Kasse. Etwa 35 000 Franzosen zahlen heute Steuern auf solche Einnahmen.