Die ersten Einzelergebnisse der Reiseanalyse 1975, die der Studienkreis für Tourismus in Starnberg jetzt vorlegte, enthalten eine große Überraschung: In der allgemeinen Euphorie über die Reiselust der Deutschen wird meist übersehen, daß ein großer Teil der Bundesbürger gar nicht in der Lage ist, eine Urlaubsreise zu unternehmen.

Im Jahre 1975 sah das so aus: Von den Bundesdeutschen über 14 Jahre (das sind rund 45 Millionen Personen) haben 44,1 Prozent (das sind rund 20 Millionen) keine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen Dauer unternommen. Zwar ist die Zahl der Nichturlauber im Vergleich zum Vorjahr um rund 1,4 Millionen zurückgegangen, schlüsselt man sie allerdings auf, stößt man auf nachdenklich stimmende Daten.

So wird in aller Regel völlig übersehen, daß die meisten Deutschen überhaupt keinen Urlaubsanspruch haben, also Anspruch auf bezahlte Urlaubstage. Man denke nur an Hausfrauen, Rentner, Selbständige. Ihr Anteil (immer gerechnet an der Bevölkerung über 14 Jahre) beträgt 58,5 Prozent. So ist es nicht verwunderlich, daß von denjenigen, die keinen Urlaubsanspruch haben, 1975 nur 57,3 Prozent eine Ferienreise unternommen haben, während von den Bundesbürgern mit Urlaubsanspruch 87,7 Prozent mindestens einmal verreisten. "Alarmierend", so stellt die Reiseanalyse fest, "sollte der hohe Anteil der Hausfrauen sein, die, ohne Berufsanerkennung, ohne Gehalt, ohne Anspruch auf eine jährliche Ruhepause, 1975 keinen Urlaub gemacht haben: es sind 6 Millionen."

Bedenklich muß auch stimmen, daß von der Gruppe der 18,6 Millionen Arbeitnehmer, trotz weiterlaufender Bezüge, 2,3 Millionen durchgearbeitet haben. Diese Urlaubsverweigerer sind vor allem kleine Angestellte und Beamte, Fach- und Hilfsarbeiter. Was mag sie bewogen haben, auf den zustehenden Urlaub zu verzichten?

Zur Gruppe der 20 Millionen Nichtreisenden des Jahres 1975 gehören aber auch 8 Millionen Personen, die "noch nie in ihrem ganzen Leben, nicht einmal eine Woche zu 50 km entfernten Verwandten" verreist sind. Hier handelt es sich vor allem um ältere Menschen und um Angehörige sozial schwacher Gruppen. Die Reiseanalyse vermerkt dazu: "Neben den charakteristischen und offenkundigen Merkmalen (niedriges Einkommen, niedrigere Schulbildung) wäre noch weiteren, möglicherweise psychologischen Gründen nachzugehen, die bisher eine Urlaubsreise verhinderten."

Psychologische Gründe mögen bei den Nichtreisenden in der Tat eine Rolle spielen, wenn man etwa an die Landbevölkerung denkt. Eine Gruppe, die unter den Nichturlaubern besonders stark vertreten ist, hat der Studienkreis freilich nicht untersucht: die kinderreichen Familien. Noch vor ein paar Jahren stellte der Familienbericht der Bundesregierung dazu fest: Von den Familien mit drei und mehr Kindern (das sind rund 2,3 Millionen Familien) haben rund 45 Prozent noch nie gemeinsam Ferien gemacht. Nun liegt diese Erhebung zwar schon einige Jahre zurück (eine neuere Untersuchung gibt es nicht), dennoch geht man gewiß nicht fehl in der Annahme, daß unter den noch nie Gereisten besonders viele kinderreiche Familien anzutreffen sind.

Welche Gründe aber bewogen jene 12 Millionen Bundesbürger, die in den letzten Jahren schon öfters Reisen unternommen hatten, im Jahre 1975 auf eine Urlaubsreise zu verzichten?