Von Reinhardt Stumm

Das Bewußtsein eines Mannes verdunkelte sich, er wurde wahnsinnig. Da griffen die Ärzte ein. 28mal jagten sie 800 Milliampere durch seinen Schädel – dann war eine Persönlichkeit ausgelöscht, in einem technisch makellosen Prozeß. Der nachher zu sich zurückkam, war ein anderer. Und der erzählt seine Geschichte. Ist es seine? Es ist die Geschichte einer neuen Identitätsfindung. Der Versuch der Verknüpfung dessen, was er einmal war, mit dem, was er nun werden soll; es ist ein Entwurf zu einem neuen Ich –

Robert M. Pirsig: „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“, Roman, aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1975; 436 S., 32,– DM.

Das Gespenst des anderen jagt ihn. Er hat Angst, in den Wahnsinn zurückzufallen. Er ringt um Verständnis. Was ist mit jenem anderen geschehen, jenem ausgelöschten Ich, das er Phaidros nennt, nach dem gleichnamigen Dialog des Platon? Phaidros, der Wolf, das war der extreme Rationalist, der sich über die Grenzen seines Selbst hinausbewegte, der den Strom des kollektiven Bewußtseins verließ und sich in der terra incognita. jenseits des Mythos verlor: „Es gibt nur eine Art Mensch, sagt Phaidros, die den Mythos, in dem sie lebt, ablehnt. Und einen solchen Menschen, der den Mythos ablehnt, sagte er, bezeichnet man als ‚wahnsinnig‘

Schritt für Schritt geht der Erzähler an den Nachvollzug einer verlorenen Biographie des Bewußtseins, und Schritt um Schritt enthüllt sich der Plan: Das ist der Nachvollzug der Krise des gegenwärtigen Menschen. Seine Crux ist die Spaltung der Wirklichkeit – in eine Welt des Klassischen und eine des Romantischen. Ratio, Klarheit, Objektivität, Form, Funktion, Vernunft, Materie auf der einen Seite; Sehnsucht nach dem Unendlichen, Gefühl, Innerlichkeit, Transzendenz auf der anderen Seite. Und nichts, was beide Seiten verbindet. An dieser Spaltung leidet der Mensch. Der Dualismus von Subjekt und Objekt betrügt ihn um eine Hälfte seiner Existenz.

Diese Trennungen, die Pirsig zurückführt auf die Philosophie des Aristoteles und der Sophisten, müssen überwunden werden. Schon Platon und Sokrates haben das erkannt. Aber nicht die Überwindung des Rationalismus kann die Lösung bringen, sondern seine Erweiterung. Denn nicht die Tatsächlichkeiten lassen sich ändern. Wohl aber unser Verhältnis zu ihnen. Zum Beispiel Newton: als er das Prinzip der Veränderung in einem Zeitraum gleich Null beschreiben wollte, war das mit den gegebenen Erkenntnismitteln unmöglich. Newton löste das Problem nicht mit der Abschaffung der Veränderung im Zeitraum gleich Null, er erfand die Infinitesimalrechnung. Und das heißt nichts anderes, als daß er das zugrundeliegende Prinzip suchte und fand. Was wir brauchen, ist nichts anderes: Wir brauchen eine kopernikanische Wende unseres Bewußtseins. Pirsig findet und erklärt sie – durch die Einführung des Begriffs der Qualität: das Unfaßbare, Unmeßbare, das zugrundeliegende Prinzip. Und das ist nichts anderes als eine westliche Fassung des Tao: die Erkenntnis aller Dinge.

Pirsig stellt sich mit Vehemenz auf die Seite Platons und schmäht den Aristoteles und die Sophisten, weil sie „die erste zögernde Ahnung der Menschheit von der Idee der Wahrheit“ im Wust ihrer Faktensammlungen zu ersticken drohten. Leitzordnertypen, Zettelkastengläubige, die nur anerkannten, was Materie und meßbare Energie hat. Pirsigs Kritik der unreinen Vernunft sucht nach jener Qualität, die die zwei Hälften zusammenhalten kann, die dualistische Weltsicht getrennt hat. Also nicht Umkehr, sondern Seitenbewegung, laterales Denken, von dem wir auch bei de Bono gelernt haben,