Angesichts der Flaute in den innerdeutschen Beziehungen kam um so mehr Wind auf, als das Ostberliner Treffen zwischen dem FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick und Hermann Axen vom SED-Politbüro in der letzten Woche bekannt wurde. Augenblicklich stellte sich die Erinnerung an die Zusammenkunft zwischen Herbert Wehner, Mischnick und SED-Chef Honecker vor drei Jahren ein. Tut sich wieder etwas im deutsch-deutschen Verhältnis?

Nach liberaler Auskunft ist die neue Unterredung indes ebenso zufällig wie unkonventionell zustande gekommen. Mischnick begleitete eine Gruppe westdeutscher Sportjournalisten nach Berlin, und über den Besuch bei ostdeutschen Sportfunktionären ergab sich dann das Treffen mit Axen. Man sprach über weltpolitische Probleme wie über Fragen der Familienzusammenführung, bei der es mancherlei informelle Kontakte gibt. Im übrigen kennen sich die beiden Politiker schon lange, nämlich seit den ausgehenden vierziger Jahren, als der Jugendreferent der Liberaldemokratischen Partei in der damaligen Sowjetzone, Mischnick, mit dem Sekretär des Zentralrats der Staatsjugendorganisation FDJ, Axen, auf ziemlich gespanntem Fuß stand.

Außer den erwähnten Themen ist also wohl nichts gewesen. Daß dennoch beträchtliche Aufregung entstand, bezeugt freilich wieder einmal die derzeitige innerdeutsche Stagnation. Aber über die Aufmerksamkeit, die der Besuch fand, werden Mischnick und die FDP nicht unglücklich gewesen sein.

Die Opposition deckt die Bundesregierung mit einem Sperrfeuer von Fragen ein. Zum einen geht es um Tips, die Bonner Koalitionspolitiker der Illustrierten „stern“ für Recherchen beim Ostberliner Ministerium für Staatssicherheit gegeben haben sollen – Recherchen, die schließlich auf den damaligen Chef des Konkurrenzblatts „Quick“, Heinz van Nouhuys, zuliefen. Über Nouhuys hieß es dann im „stern“, daß er auch DDR-Agent gewesen sei. Und zum anderen ist die Rede davon, daß auf dem Artikel vor der Veröffentlichung die prüfenden und das Ergebnis bestätigenden Augen zweier von der Regierung ermächtigter Geheimdienstexperten geruht hätten.

Der Oppositionsverdacht auf mögliche Beziehungen zwischen Bonner Politikern und der Ostberliner Staatssicherheit, journalistische Sorgfaltspflicht und Absicherung sowie Beweisnot vor Gericht mischen sich zu einem unklaren Gebräu. Noch in der Wochenmitte waren die Regierungsschützen weidlich damit beschäftigt, zur Gegenkanonade durchzuladen. Ob bei alledem am Ende Volltreffer, Rohrkrepierer oder ein Hornberger Schießen herauskommen würde, wagte bis zum Ablauf der Fragestunde im Bundestag niemand vorherzusagen.

Mögen die allerjüngsten Spionen auch dafür sprechen. An Wachsamkeit läßt sich das Verteidigungsministerium nicht übertreffen. Das hat zuletzt ein Bibliothekar auf der Hardthöhe erfahren, dem der Marsch geblasen werden sollte, weil er bei der Arbeit, neben anderem, aber unverfänglichen Liedgut, die „Internationale“ gepfiffen hatte. Was ihm nur wegen der „schmissigen Melodie“ über die Lippen gekommen war, erschien jedoch seinem Vorgesetzten, einem Obersten, dermaßen verdächtig, daß sich der Büchermann alsbald mit einem Antrag auf disziplinarische Maßnahmen, ja sogar auf Verbot der Dienstausübung, konfrontiert sah.

Dagegen setzte er sich auch mit einer Zuschrift an den „Bonner Generalanzeiger“ zur Wehr, in der er Parallelen zur Unterdrückung der freien Meinungsäußerung durch die Nazis zog. Das aber trug ihm von seinem Christen umgehend eine Anzeige wegen Beleidigung und den Antrag auf eine einstweilige Verfügung ein. Vor Gericht traf man sich wieder und schloß dort, ein Präjudiz für die ganze Angelegenheit, einen Vergleich. Der Büchermann versicherte, daß er seinen Vorgesetzten nicht mit den Nazis habe in Verbindung bringen wollen, und der Oberst nahm seine Anzeige zurück.