Mehr als zwei Jahre lang haben hervorragende Fachleute, die von neun europäischen Forschungsinstituten dazu abgeordnet worden waren, in Culham, in der Nähe von Oxford, eine gigantische Maschine entworfen, die es Plasmaphysikern ermöglichen soll, in Experimenten zu erfahren, wie sich – wenn überhaupt – die dringend benötigte Energiequelle der Zukunft, der Fusionsreaktor, bauen läßt. Jetzt hat das Team seine Arbeit abgeschlossen. Mit der Konstruktion des Geräts, für das 500 Millionen Mark investiert werden müssen, könnte begonnen werden.

Doch man kann nicht beginnen. Denn die dafür verantwortliche Kommission der Europäischen Gemeinschaft hat noch nicht entschieden, wo nun JET, so das Kürzel für den Apparat, errichtet werden soll. Dabei war vorauszusehen, daß der Bauplan nun vorliegen würde – Dezember 1975 war dafür vorgesehen. JET ist wie vor ihm andere europäische Großvorhaben in das Gerangel um die Standortfrage geraten. Während in der Sowjetunion und in den USA vergleichbare Geräte längst entstehen, müssen die europäischen Wissenschaftler und Techniker tatenlos abwarten, wie sich die Brüsseler Bürokratie entscheidet.

Besonders hart sind davon diejenigen betroffen, die in Culham den JET konstruktionsreif gemacht haben und nun nicht wissen, wann es weitergehen soll, wie lange sie noch bezahlt werden, wohin sie das Schicksal treiben wird und in welche Schulen sie ihre Kinder im Herbst schicken sollen. Manch einer, der schließlich Forschen und nicht Warten als Beruf gewählt hatte, wird das „JET Design Team“ verlassen. Vielleicht muß sich die ganze Gruppe auflösen. Ob dann die Experten, die so gut mit dem geplanten Projekt vertraut sind, je wieder zusammenzubringen sind, wenn es wirklich losgeht, ist sehr fraglich.

In den kommenden Wochen ist die Entscheidung nicht zu erwarten. Es heißt, man wolle die-Wahlen in Italien abwarten. Pessimisten sehen den Fortgang der Entwicklung so: Danach sind zunächst Sommerferien, in denen niemand da sein wird, der entscheiden kann. Dann aber stehen die Wahlen in der Bundesrepublik bevor, die auch wieder abgewartet werden müssen.

Zur engeren Wahl stehen drei Standorte für den JET, das Euratom-Zentrum in Ispra am Lago Maggiore, das britische Plasmaforschungsinstitut in Culham und das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München. Jede dieser drei Forschungsstätten kann ein brauchbares Gelände anbieten, dazu Werkstätten, die keineswegs unproblematische Energieversorgung für den elektrizitätshungrigen Apparat, Bibliotheken, Labors und eine zufriedenstellende Infrastruktur.

Eine Fragebogenaktion der Kommission, die sich auf alle diese Punkte bezog, sollte der Urteilsfindung dienen. Die sich bewerbenden Institute antworteten brav und bekamen für ihre Antworten Noten von „excellent“ bis „fair“. Aus diesen Zensuren wurde der Durchschnitt berechnet, und – dann konnte man auch nicht allzuviel damit anfangen. Der Urteilsbildung half es kaum.

Ispra hatte zwar das beste Zeugnis bekommen, aber es spiegelte die Unwägbarkeiten nicht wider, die oft weitaus wichtiger sind als das Meßbare.