Immer mehr Verlage entdecken den alternden Menschen und seine Probleme

Von Ernst Klee

Wir sitzen am Fenster. "Früh wird aufgestanden, je nachdem, ob es Pflegefälle sind oder keine Pflegefälle sind. Die Pflegefälle werden geweckt, etwa um sechs Uhr", erzählt der Altenheimbewohner, distanziert, als könne er davon nie betroffen werden. "Die anderen, die selbst aufstehen können, stehen etwas vor sechs Uhr auf. Kurz nach sieben beginnt das Kaffeetrinken. Ein Muckefuckkaffee, zwei Brötchen, Marmelade, etwas Butter."

"Gut, dann sitzen die also früh da", berichtet er weiter, als doziere er über Fremde, als säße er nicht mit im Speisesaal, jeden Morgen, um sieben Uhr in der Frühe. "Da sitzen die Leute, und zwar so still vor ihrem Tisch, reden kein Wort, es ist ruhiger als in der Kirche. Sie reden nicht, sie sagen nur: Guten Morgen! Setzen sich hin, manche legen den Kopf auf die Hände und schlafen weiter. Die anderen starren wie Mumien, wie Ölgötzen vor sich hin, bewegen den Kopf fast nicht, gucken die gegenüberliegende Wand an. Kein Mensch spricht ein Wort. Dann wird eifrig gegessen. Die einen haben sich ihre Brötchen vom vorherigen Tag aufgehoben. Die sind ganz eifrig. Die sind zeitiger fertig – als die anderen, die warten müssen, weil das Frühstück noch herangerollt wird. Die sind schon eifrig beschäftigt und streichen mit großem Genuß die alten Brötchen, schmieren sich Marmelade drauf, und die anderen glotzen und sagen kein Wort."

Um 11 Uhr 30 gibt es Mittagessen. Eine Stunde vorher beginnen die Altenheimbewohner den Abmarsch zum Speisesaal. Um 11 Uhr sitzen sie schon alle da. Sie starren in die Luft, sagen kein Wort. "Das Essen ist überhaupt die wichtigste Sache. Es hängt ein Speiseplan aus. Der wird am Tag fünfmal studiert. Früh guckt man hin, was es mittags gibt, aber mindestens dreimal von 8 bis 11 Uhr. Dann guckt man, was es zum Abend gibt, was es am nächsten Tag gibt. Und den nächsten Tag guckt man wieder, obgleich man’s wissen müßte. Und dann, wenn’s Essen gegeben wird: Schmeckt es auch? Es wird immer vom ‚gut schmecken‘ gesprochen, lassen Sie es sich gut schmecken, es ist der einzige Genuß. Wenn man jung ist, hat man den Genuß Liebe, das Essen und die Bewegung und den Tabak. Und dann fällt alles weg, dann bleibt nur noch der Tabak übrig. Wenn der Tabak dann noch verboten wird, dann sind sie vollkommen tot."

Einsamkeit als Werbegag

Im Altenheim, überhaupt im Alter, wenn alle Funktionen weggefallen sind, bloß das Leben übriggeblieben ist, wird das Überleben selbst zur Leistung: "Sie lesen vormittags die Zeitung, die Todesnachrichten, weil sie sehen wollen, welche aus ihrem Bekanntenkreis gestorben sind. Sie haben eine innere Befriedigung, daß sie zu den Überlebenden gehören." Und dann wird der Altenheimbewohner, der sich nicht einbeziehen will, böse, gehässig, wie es fast nur alte Leute sein können: "Sie haben keine Funktion mehr. Sie sitzen da wie ein Tier, das sich in der Sonne sonnt, wie eine Art Krokodil, das da liegt."