Von Fritz J. Raddatz

Dieses Buch ist zu dick. Weniger wäre mehr. Nicht jede Germanistenkonferenz lohnt die Zusammenfassung der Referate. In dem Band –

„Literatur und Literaturtheorie in der DDR“, herausgegeben von Peter Uwe Hohendahl und Patricia Herminghouse; es 779, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1976; 356 S., 10,– DM

vermischt sich ungewöhnlich Kenntnisreiches mit ungewöhnlich Läppischem. Herausragend – auch aus der sonstigen literaturkritischen Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland – ist der Aufsatz des Mitherausgebers Peter Uwe Hohendahl, der an der Washington University Germanistik unterrichtet. Hohendahl hat erstmals in geschlossenem Zusammenhang die in der Tat wichtige neuere Entwicklung.der literaturtheoretischen Debatte in der DDR referiert, die Arbeiten von Georg Klaus etwa oder Horst Redeker nicht nur vorgestellt, sondern analysiert. Sein Resümee, die Literaturtheorie der DDR entspreche wenig dem Befund, den westliche Kritiker sich gern von ihr machten, ist durch die Untersuchung nicht nur glänzend gerechtfertigt – man kann es sogar ergänzen: Die westdeutsche Literaturkritik hat dem wenig entgegenzusetzen. Das reflektorische Niveau ist in der DDR eindeutig höher. Eine derart sorgsame analytische Beschäftigung ob mit Aspekten der Kybernetik (Klaus) oder des semantischen Strukturalismus hat hier bislang nicht stattgefunden. Ob überraschend wie die Auseinandersetzung mit der „Nouvelle critique“ oder weniger überraschend wie die mit der (ihrerseits auf Lukács sich beziehenden) Arbeit Lucien Goldmanns: die Exkurse zur Ästhetik sind in der DDR fruchtbar und mehren sich.

Redekers Studie „Abbildung und Aktion“ (1966) billigt Hohendahl zu Recht Schlüsselcharakter zu, denn sie hebt die Realismus-Diskussion auf ein gänzlich anderes Niveau, verläßt die Tiefebene von „Nachahmung“ und „Abbild“ und prägt den Begriff des Modells. Daß diese Erkenntnis wiederum aus dem Widerspruch zu anderen Arbeiten in der DDR entstanden sind, zeigt allenfalls eine inzwischen lebendige Diskussion; Günther K. Lehmann wird genannt, der die Abkehr vom spekulativen und deduktiv argumentierenden System der bisherigen marxistischen Ästhetik forderte, deren eigentlich materialistische Begründung noch ausstehe, „da die Ableitung der Kunst aus dem materiellen Sein, also das zentrale Vorhaben der Marxschen Ideologie kritik, niemals konsequent verfolgt worden sei. Durch das Fortwirken der spekulativen Ästhetik (von Hegel bis Lukács) sei dies im Grunde verhindert worden“.

Natürlich weist Hohendahl in diesem Zusammenhang auf einen der besten kritischen Köpfe in der DDR, Robert Weimann, hin. Weimann ist nicht nur mit einem eigenen Beitrag in dem Band vorgestellt (außer ihm als zweiter DDR-Autor noch Silvia Schlenstedt mit einer eher oberflächlichen Lyrik-Beschreibung); Weimanns Buch über den „New Criticism ist ja auch in der Bundesrepublik in zwei Auflagen erschienen (bei Beck in München – wenn auch das Suhrkamp-Lektorat hartnäckig ausschließlich die DDR-Ausgabe zitiert). Im Mittelpunkt von Weimanns Arbeit steht der Begriff der Entpersönlichung, wie ihn Eliot für die Literatur forderte, der zum Mißtrauen gegen die eigenen Emotionen aufruft oder wie er in Ortega y Gassets „Deshumanización del arte“ manifest wird. Durchaus logisch etwa ist Weimanns Argumentations-Strang, wenn er vorführt, wie die ästhetizistische Position T. S. Eliots vollkommen versagt angesichts der Lyrik Shelleys, die er als „abuse of Poetry, almost unreadable“ sah, als fast unleserlichen Mißbrauch der Dichtung. Weimann sieht eine konsequente Entwicklung von dieser Frühphase des „New Criticism bis zur deutschen stilkritischen Schule, etwa bis zu Wolfgang Kayser.

Es ist hier nicht der Ort, auf die Schwächen und Kürzel auch dieser Methode einzugehen; Hohendahl deutet sie übrigens an.