Berlin, im Juni

Die Berliner Spionage-Affäre hat mehr komische als ernsthafte Seiten. Irgendwie ist der Verfassungsschutz auf Kathryn Burger gestoßen, eine Pressesekretärin bei der Gewerkschaft ÖTV. Sie bekennt, für die DDR gearbeitet zu haben, und beschuldigt ihren ehemaligen Mann Heinrich Bürger, der Pressesprecher der SPD ist. Die Polizei fahndet nach Heinrich und läßt Kathryn laufen. Die Aussagen der Frau Burger reichen aus, um ein Ehepaar festzunehmen, das anscheinend Kurierdienste geleistet hat.

Während die Ermittler erklären, es sei eigentlich wenig wahrscheinlich, daß man Frau Burger unbeobachtet laufen lasse, ist Kathryn verschwunden. Als sie auftaucht, erzählt sie, sie sei in einem Ost-Berliner Krankenhaus aufgewacht, dort hätten die Ärzte einen Nervenzusammenbruch festgestellt. An ihre Aussagen vor dem Verfassungsschutz könne sie sich nicht mehr erinnern. Heinrich hatte mittlerweile aus Portugal angerufen und erklärt, er sei unschuldig und komme zurück.

Bis dahin hatten alle Stellen Burger wie eine heiße Kartoffel behandelt. Die Berliner Morgenpost, bei der er bis 1971 beschäftigt war, schrieb, der Ost-Berliner SSD habe Burger „in die SPD-Zeitung Berliner Stimme eingeschleust“. Die Berliner Stimme meinte, die Tätigkeit Burgers bei Springer sei dem SSD wohl wichtiger gewesen als „seine mehr zufällige berufliche Veränderung zur SPD“. Und SPD-Landesgeschäftsführer Weiß erklärte, Burger sei „denkbar uniformiert“ gewesen. In dieser Partei kann also ein angeblich denkbar uniformierter Mann mehr zufällig zum Pressesprecher avancieren.

J. N.