Berlin

Nur bornierte Ignoranten sind dagegen, behinderte Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren. Das weiß auch Susanne Koch, Mutter des sechsjährigen Marc, eines schwer spastisch gelähmten Jungen. Er ist eines der ganz wenigen behinderten Kinder, denen es vergönnt ist, von klein auf mit gesunden Kindern zusammen aufzuwachsen. Denn obwohl die Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates zur Integration Behinderter von 1973 allerorts mit großem Jubel begrüßt wurden, hat sich seither herzlich wenig getan, ist Integration immer noch vor allem auf privates Engagement und Einsatzbereitschaft zurückzuführen.

Ein gutes Beispiel dafür sind die therapeutischen Eltern-Kind-Gruppen des Zentrums zur Früherfassung und Frühbehandlung zerebral bewegungsgestörter Kinder e. V. in Westberlin. Das Zentrum hat ein tüchtiger persischer Arzt ins Leben gerufen. Marc Koch kam das erste Mal zu ihm, als er fünf Monate alt war, wurde von da an täglich „beturnt“. Als Eltern von behinderten und nichtbehinderten Kindern gemeinsam einen Kindergarten, das „Kinderhaus“, aufmachten, war Marc dabei. Er war in einer der Gruppen von sieben Kindern, in der jeweils ebensoviel behinderte wie nichtbehinderte Kinder sind. Mit finanzieller Hilfe des Senats kann sich das Kinderhaus Krankengymnastiker, Logopäden, Beschäftigungstherapeuten leisten. „Ich fand den Gedanken sehr schön, daß Behinderte und Nichtbehinderte da zusammen aufwachsen“, sagt Frau Koch heute. Denn das wird ja oft vergessen: Nicht nur für die behinderten Kinder ist Integration wichtig, sie ist ebenso wichtig für deren Eltern, bewahrt sie vor Isolierung, aus der Bitterkeit entstehen kann, die sich wieder negativ auf die Kinder auswirkt.

1975 war es dann soweit: Die ältesten Kinder des Kinderhauses, mit ihnen Marc, waren alt genug für die Vorschule. Langwierige Verhandlungen setzten ein, ein endloses Hin und Her, bis es geschafft war; seit bald einem Jahr besucht die Gruppe I, mit Marc Koch als dem einzigen Schwerbehinderten neben wenigen weniger bis minimal Behinderten, eine Vorschulklasse der städtischen Flämming-Schule in Steglitz. Zweieinhalb Stunden am Tag geht Marc „zur Schule“. Zur Unterstützung der als sehr kooperativ gerühmten Lehrerin ist eine Bezugsperson aus dem Kinderhaus dabei. Die Lehrerin äußert sich positiv zu dem Schulversuch, Familiensenatorin Reichel und Schulsenator Rasch sagten Unterstützung zu, die Eltern der anderen, nichtbehinderten Kinder waren mit der Probe aufs Exempel einverstanden. Die Mutter von Marc erzählt, daß Marc nicht nur von den Kindern, die ihn vom Kinderhaus her schon kannten, akzeptiert wurde, sondern besonders auch von den anderen, die neu dazugekommen waren: „Größere Kinder schoben ihn in seinem Stühlchen in den Pausen über den Schulhof.“ Alles schien in Butter.

Die Leute vom Kinderhaus forderten für ihre Gruppe eine Modellklasse, mit einer kleinen Klassenfrequenz von 15 bis 25 Kindern, einen Lehrer mit möglichst sonderpädagogischer Ausbildung, damit die optimale Betreuung der Behinderten gesichert ist, eine wissenschaftliche Begleitung, die vor allem die Beobachtungen, die bei diesem Versuch gemacht werden sollten, aufzuschreiben und auszuwerten hätten, für spätere Nachfolger. In einer Fernsehsendung bezeugte der Schulsenator die Absicht, die Modellklasse durch die gesamte Grundschule hindurchführen zu wollen, mit dem Ziel, Erfahrungen zu sammeln für andere.

Die Eltern-Kind-Gruppen wurden jedoch vom Schulsenat hingehalten; jetzt sieht es so aus, als sei das Ganze geplatzt: Die Vorschulklasse, in die Marc geht, soll so, wie sie ist, in die 1. Klasse übernommen werden – allerdings ohne Marc. Mit minimal bis wenig Behinderten will man Integration versuchen, vielleicht weil sie auch in Klassen mit 33 Kindern bestehen können, vielleicht auch ohne sonderpädagogische Kraft auskommen und keine wissenschaftliche Begleitung verlangen.

Marc ist schwer behindert. Er kann nicht laufen, hat keine Gewalt über seine Hände, kann nicht sprechen. Daß er dennoch intelligent ist, sieht man an seinen Augen. Ich habe selten ein behindertes Kind gesehen, das so wach und aufmerksam seine Umgebung beobachtet, das so sehr mit seinen Augen zu sprechen in der Lage ist. „Uns geht es ja gar nicht darum, daß Marc das Klassenziel erreicht. Wir wissen, daß er das nicht kann“, sagt Susanne Koch, „aber Sie müßten sehen, mit welchem Spaß er immer in die Schule geht...“