Von Michael Jungblut

Niemand weiß heute mehr so ganz genau zu sagen, wer eigentlich zuerst auf die Idee gekommen ist: Kam der Einfall von „ganz oben“, oder stellte eines Tages ein Delegierter der Mitarbeiter in der Projektgruppe ganz naiv die Frage, warum eigentlich Arbeiter und Angestellte nicht unter einem Dach arbeiten sollten?

Auf jeden Fall – die Idee fand Anklang und erschien unter den gegebenen Voraussetzungen auch realisierbar.

Es ging um den Neubau der Produktions- und Verwaltungsgebäude für den „Bereich Relais“ des schwedischen Elektrokonzerns ASEA in Västerås. Mit rund sechshundert Beschäftigten handelt es sich um den kleinsten der neun weitgehend selbständigen Geschäftsbereiche des Unternehmens, das 1975 insgesamt 43 600 Mitarbeiter im In- und Ausland beschäftigte und einen Umsatz von 4,7 Milliarden Mark erzielte.

Da die Herstellung der Schaltelemente kaum Schmutz und Lärm verursacht, wurde beschlossen, den ganzen Geschäftsbereich in einer einzigen großen Büro- und Produktionslandschaft unterzubringen, in der Arbeiter, Kaufleute, Verwaltungspersonal und Konstrukteure in enger Nachbarschaft die Produkte entwerfen, herstellen und für ihren Verkauf sorgen.

„Wir haben den Vorschlag, die räumliche Trennung zwischen Arbeitern und Angestellten aufzuheben, sofort aufgegriffen“, erklärte 1973 der Leiter des Geschäftsbereichs, Erik-Lars Lodén, der damals noch fern von den Arbeitern – und auch den meisten Angestellten – in einem tristen, verbauten Gebäude residierte, in dem zwischen den einzelnen Abteilungen keinerlei Gefühl der Zusammengehörigkeit entstehen konnte. „Wir hoffen, daß dadurch auf beiden Seiten Vorurteile abgebaut und unzeitgemäße Unterschiede zwischen Angestellten und Arbeitern beseitigt werden – aber auch, daß die Kooperation besser wird.“

Haben sich diese Hoffnungen erfüllt? Seit Mitte 1973 arbeiten 200 Angestellte und 320 Arbeiter in der 6500 Quadratmeter großen Halle, in der auch der Arbeitsplatz des Direktors nicht durch Wände abgeschirmt ist. Zwischen Büro- und Produktionslandschaft liegt lediglich eine Pausenzone, in der sich Arbeiter und Angestellte treffen, wenn sie Lust auf eine Tasse Kaffee haben. „Natürlich haben sich Cliquen gebildet“, berichtet Alice Schwanzer, eine Österreicherin, die am Zeichenbrett Schaltungen entwirft, die einige Schritte weiter hinten in der Halle gebaut werden. „Aber das hat nichts mit dem Unterschied zwischen Arbeitern und Angestellten zu tun. Da hocken eben die zusammen, die von der Arbeit her besonders enge Kontakte haben, deren Sommerhäuschen am gleichen See liegt oder die in der gleichen Straße wohnen.“