Ohne die Mitarbeit der Kommunisten ist die Krise nicht zu meistern

Von Hansjakob Stehle

Rom, im Juni

Es ist einer jener römischen Abende, an denen sich milde, schwere Luft über die Stadt legt. Der Verkehrslärm ebbt ab, so daß in den engen Gassen, wo man die Stühle vor die Tür stellt, das herzhaft laute Gespräch der Leute hörbar wird, auch ihre gar nicht verächtliche, eher witzige Bitterkeit. Sie gilt den Wagen der „Signori“, die irgendwelchen Palazzi und Villen zustreben, um an kerzenschimmernden Tafeln zu sitzen oder vor Buffets zu stehen. Draußen im Dunkel wachen schwerbewaffnete, hemdsärmlige Männer – Privatpolizisten.

Es ist einer jener Abende, an denen der Kontrast zwischen dieser funkelnden Scheinwelt und dem krisengeschüttelten Italien auch kühle Diplomaten zu hitzigen, etwas undiplomatischen Fragen hinreißen kann. Auch der Minister, zuständig für Theater und Tourismus, fällt bei der Antwort aus seiner christlich-demokratischen Rolle: „Ach, die kommunistische Gefahr – sie wird ganz falsch bewertet! Die Kommunisten selbst irren sich, wenn sie meinen, sie könnten das Land bei diesen Wahlen gewinnen, indem sie Tugendhaftigkeit und Ordnungssinn auf ihr Programm schreiben. Unser Volk liebt die Tugend – bei anderen. Die Kommunisten wollen hier Ordnung schaffen, doch sie vergessen, daß unser Volk ein bißchen Unordnung ganz gern hat.“

Nüchterne Weisheit, Zynismus oder bloße Ahnungslosigkeit einer überalterten, verbrauchten „classe politica“? Der Mann, der so sprach – Adolfo Sarti – gehört zur hoffnungsvollen jüngeren Generation seiner Partei. Gewandt, glatt, klug ist dieser 48jährige Jurist und Bankfachmann aus dem Provinzapparat der Democrazia Cristiana langsam aufgestiegen. Müßte er nicht wissen, wie es im Lande aussieht, was die Italiener denken? – Ich erinnerte mich an seine leicht hingeworfenen, selbstsicheren Sätze, als ich wenig später durch Santa Ninfa fuhr, jenes sizilianische Städtchen, das 1968 von einer ähnlichen Erdbebenkatastrophe betroffen wurde wie jüngst das norditalienische Friaul. Nach acht Jahren leben dort fünftausend Menschen noch immer in Wellblechhütten, ist Santa Ninfa noch immer eine tote Stadt der geborstenen Mauern, der Schutthalden und des Wassermangels. Nur auf der rings von Ruinen gesäumten Piazza sind seit Monaten einige Arbeiter dabei, den großen öden Platz säuberlich und abgezirkelt mit kleinen Pflastersteinen zu belegen. Milliarden sind auch für eine vierbahnige Autobahn am Rande der Barackensiedlung ausgegeben worden – eine Strecke, auf der man kilometerweit keinem Fahrzeug begegnet.

Mehr die Hälfte der Bürger von Santa Ninfa wählt seit langem kommunistisch. Werden es die anderen am 20. Juni nicht ebenso tun? Der Gemeindesekretär schüttelt den Kopf: „Den Luxus, nach Überzeugung zu wählen, können sich hier nur die wenigsten leisten. Man spricht das in der Familie ab, Papa wählt links, Mama wählt rechts – es ist ratsam, sich mit allen zu stellen, denn wer weiß, wer morgen zu den Oberen gehören wird?“ Nicht der kommunistische Bürgermeister, sondern der Pfarrer führte vor einigen Monaten einen Protestmarsch der Kinder von Santa Ninfa nach Rom.