Von Lars Gustafsson

Im Jahre 1879 kommt in Stockholm August Strindbergs Roman „Das rote Zimmer“ heraus. Er ist eine Satire und handelt von der Begegnung oder vielleicht besser der Konfrontation eines jungen Mannes mit der Gesellschaft. Die Zeit der Handlung ist, Anfang 1870, es ist die Periode der Schiebungen, der Jubiläumsfeiern und der großen Eisenbahneinweihungen in der schwedischen Geschichte. Nach einer Periode intensiver wirtschaftlicher Expansion beginnen sich Überhitzungssymptome bemerkbar zu machen. Kredite werden eingeschränkt, Außenstände eingetrieben, Wahrheiten kommen ans Licht, Konkurse rasen wie ein Präriefeuer durch das neu erwachte Geschäftsleben der Nation. Es ist genau die Zeit, in der das Verhältnis zwischen der öffentlichen und der tatsächlichen Moral einer Gesellschaft leicht problematisch wird.

Der Held des Romans ist ein junger Jurist namens Arvid Falk. Enttäuscht von der Beamtenlaufbahn, möchte er sich in den Dienst des liberalen Journalismus begeben. Ein Freund und Mentor, der zynische Publizist Struve, warnt ihn. Publizistisch zu arbeiten, ohne konservativ zu sein – das bedeute, sich in der Gesellschaft zum Außenseiter zu machen. Diese Warnungen sind wirkunslos, denn genau das ist es, was Arvid Falk will: die Gesellschaft verstehen, indem er sich zum Außenseiter macht.

Der Roman hat die Form des klassischen Schelmenromans. Die Verkleidung des Helden zum Journalisten ermöglicht es ihm, genau wie dem wandernden Ritter des Cervantes, all die verschiedenen gesellschaftlichen Milieus zu durchstreifen, von den elenden Hütten der Armen in den südlichen Hügeln von Stockholm bis zu den eleganten Räumen mit Stuckornamenten an der Decke und Selterswasser auf grünen Tischtüchern, wo die obskure und zugleich höchst ehrenwerte Seeversicherungsgesellschaft Triton ihre Jahresversammlung abhält. Er besucht die Verlage, den Reichstag, die Ämter, die schlecht geheizten Ateliers der Künstler, er sieht die kaum bemäntelte Geschäftemacherei der pietistischen Sekten jener Zeit, er bekommt Einblick in die kleinen Büroräume hinter den Fassaden der Großhändler und sieht, wie das Netz aus Wechseln und Schuldverschreibungen sie mit den Beamten, den Offizieren, der Aristokratie verbandelt. Ein unsichtbares Netz hält die Gesellschaft zusammen.

Arvid Falk ist, könnte man sagen, Don Quijote im Schweden der siebziger Jahre. Auf deutsch kam der Roman in Emil Scherings Übersetzung schon wenige Jahre nach dem Original heraus.

Der Titel „Das rote Zimmer“ spielt auf einen rot tapezierten Raum im Variete-Restaurant „Berns Salonger“ in Stockholm an, wo sich Anfang 1870 eine Clique von Künstlern, Publizisten und jungen radikalen Intellektuellen, Ärzten und Offizieren zu treffen pflegte. Es ist kein Zufall, daß so viele von den Helden in Strindbergs Prosa Ärzte oder Naturwissenschaftler sind und Lizentiat oder Doktor Borg heißen – es sind die idealisierten Leser seiner Zeit, die er auf diese Weise apostrophiert.

Das rote Zimmer, von dem der Titel spricht, ist also das Zimmer der Radikalen, der Rebellischen, ein Zimmer, in dem man diejenigen findet, die die Verlogenheit der Gesellschaft durchschaut haben. Die Grundstruktur der Erzählung könnte man mit einem Korridor vergleichen, durch den Arvid Falk wandelt und wo er eine Tür nach der anderen öffnet. Er macht überraschende Entdeckungen. Manchmal merkt er, daß ein und dieselbe Person in verschiedenen Zimmern über einen Patz verfügt. Der Sekretär des Amtes für die Ausbezahlung der Beamtengehälter ist zugleich Sekretär im Vorstand der Seeversicherungsgesellschaft Triton. Der Aktuar im selben Amt ist zugleich Aktuar im Amt für de Steuererhebung. Die-Gesellschaft ist etwas Räumliches, ein Labyrinth.