„Der Bär, der ein Bär bleiben wollte“, von Jörg Müller (III.) und Jörg Steiner (Text)

Als der schlafende Bär aus seiner wohligen Winterhöhle tappt, gerät er in die Fänge eines Produktionsunternehmens. Zoo- und Zirkusbären, die seine Bärennatur bezeugen sollen, verleugnen den Artgenossen. Weil sie selbst abgerichtete Kunstgeschöpfe geworden sind, verhöhnen sie den Naturkerl als unrasierten Faulpelz, als verkleideten Landstreicher. Also wird der Bär in Arbeitskleider gezwungen und dem Fabrikapparat ausgeliefert. Trotz seiner Bärenkräfte ohnmächtig und hilflos, funktioniert er in der Fabrik als Rädchen einer Superproduktion. Nur sehr selten in den Mittagspausen sieht er traurig durch den trostlosen Maschenzaun ein Stück traumschöner Berglandschaft. Im Herbst ist es aus mit dem Dressurakt. Da überwältigt ihn archaisch die alte Bären gewohnheit. Immer wieder schläft er während der Arbeitszeit ein, wird getadelt, gescholten und fristlos entlassen – wegen Faulheit und Destruktion. Der Bär, einen Sommer lang von Profitverwaltern gezwungen, sich zu verleugnen, trabt auf dem Pannenstreifen der Autobahn ins Ungewisse, bekommt nicht mal ein warmes Zimmer auf seiner winterlichen Wanderschaft. Die letzten Bilder dieser 51 Illustrationen sind traurig und kalt. Der Bär starrt ins Leere und weiß nicht mehr, was er tun soll. Fast eingeschneit, mit seiner kümmerlichen Zivilisationshabe, die an toten Zweigen baumelt, hockt er vor einer Höhle, hat vergessen, daß er dort hineinkriechen soll, um den Winter zu überstehen.

Jörg Steiner hat die Parabel von der Vernichtung der Natur durch Technik unsentimental erzählt, sein Text bleibt einfach und macht gerade deshalb betroffen. Die Symbolik wird nie penetrant. Die Malereien sind ein Höhepunkt gegenwärtiger Buchillustration: perfekt und artistisch, poetisch und sachlich, surreal und wirklich. Sie widerlegen konsequent die hartnäckig kolportierte Meinung, Kinderbuch-Illustrationen hätten spezifisch kindlich zu sein. Souverän entziehen sie sich schulmeisterlicher Kategorisierung, sind bis ins kleinste Detail meisterlich. Hochgespannte Erwartungen, die Müllers „Alle Jahre wieder saust der Preßlufthammer nieder“, 1974 preisgekrönt, geweckt hat, werden in differenzierten Bildern eingelöst. Entstanden ist ein gescheites und unendlich schönes Buch zum Nachdenken mit Bildern für Kinder und Erwachsene. (Verlag Sauerländer, Aarau; 32 S., 18,80 DM) U. B.