Von Jochen Steffen

Es gibt bestimmte Zufälle und Zufälligkeiten. Das plötzlich ansteigende Angebot an Lesefutter über Christentum und Politik, Christentum und Sozialismus, Katholizismus und Sozialismus erfolgt jedoch weder zufällig – wozu haben wir noch so etwas wie „Markt“? – noch ist es ein Zufall.

Die Erfahrung von „Krise“ macht immer auch bewußt, daß das Pendel ausschlagen wird – sagen wir – in Richtung „mehr Freiheit“ oder in Richtung „mehr Restauration“. Dann gehen die Menschen, wie der alte Faust, zu den Müttern. Und eine unserer Mütter heißt nun einmal Christentum. Es soll dem Freiheitswillen helfen. Es ist eine Universal- und Individualreligion in einem. Mit der Entscheidung für Jesus Christus will die Person sich aus den Nöten menschlicher Existenz – Angst, Schuld, sinnlosem Tod – lösen, und er entscheidet sich damit für eine Wertskala – und zwar gleichzeitig –, die sein konkretes persönliches und das gesellschaftliche Leben -erfüllen soll. Hin auf jenen Zeitpunkt der Vollendung der Erde und der Menschheit, von dem wir weder wissen, wann er kommt, noch wissen, wie er kommt. Nach der Botschaft und der Wertskala wissen wir nur, daß er durch mehr Brüderlichkeit, mehr Menschlichkeit, mehr Freiheit gekennzeichnet sein soll.

Der Mensch wendet sich den Mitteln der Realisierung zu. Er trifft auf Parteien und Kirchen. Er begegnet dort, in ihnen allen, den Kräften der Restauration. Er will ein „politischer Christ“ sein. Er will den Weg gemäß der Wertskala gehen. Bei seiner persönlichen Hinwendung zu Gott helfen ihm die Kirchen. Die Parteien hindern ihn nicht daran. Aber die andere, mitbeschlossene Wendung auf praktische „Gesellschaftspolitik“ stößt auf erhebliche Widerstände in den Institutionen selber. Sei es, weil sie in der Gesellschaftspolitik teilweise im Bündnis mit der „Gegenmacht“ stehen, durch Geschichte in ein konservatives „Milieu“ gebunden werden; sei es, weil sie inhumane „Sachzwänge“ der bestehenden Gesellschaft, die zu überwinden sie eigentlich angetreten sind, verinnerlicht haben.

Es ist deshalb kein Zufall, wenn Christen in der Kirche gelegentlich den Antichristen, Syndikalisten in der Partei den Antisozialisten zu entdecken meinten. Aber, keine Angst, in den vorliegenden Bänden spricht und denkt nicht der radikale Umsturz. Es geht sehr gemäßigt zu. Es wird nur verlangt, daß man sich an freiwillig übernommene Verpflichtung hält.

Der Christ, der „politisch“ sein will – gemäß seiner Entscheidung für Gott und gegen das Absurde – erfährt Absurdität und Sinnwidrigkeit in den Organisationen und Institutionen, von denen er meinte, sie seien eigentlich für die Gegenposition da.

Der protestantische Pfarrer – mit deutlich preußisch-kalvinistischem Einschlag – Heinrich Albertz, wendet sich dann zu seinem Gott, der unser aller und sein Herr ist. Danach, dort stehend und nicht anders könnend, wendet er sich den Mitmenschen, der Gesellschaft seiner Partei, der SPD in Liebe und gelassen distanzierter Ironie zu.