Francesco Rosis zehnter Film beginnt in einer Gruft und endet in einem Museum. In dem unterirdischen Gewölbe hält der alte Staatsanwalt Varga, der kurz darauf ermordet wird, makabre Zwiesprache mit den Mumien der Vergangenheit. Im Museum für römische Geschichte trifft sich der Polizeiinspektor Rogas mit dem Generalsekretär der kommunistischen Partei, um ihn über eine Verschwörung zu informieren, die mit dem Tod des Staatsanwaltes ihren Anfang genommen hatte. Doch es ist zu spät: auch die beiden Männer im Museum sterben unter den Kugeln anonymer Attentäter. Dennoch bleibt das rechtsradikale Komplott, das das Land in einen Bürgerkrieg treiben sollte, schließlich erfolglos. Die kommunistische Partei läßt sich nicht zum Gegenschlag provozieren, schließt sich wider besseres Wissen der vom Innenministerium verbreiteten Version an, der Polizist habe den Parteisekretär erschossen. „Die Wahrheit ist nicht immer revolutionär“, verkündet im Epiolog ein KP-Funktionär unter Guttusos riesigem Wandgemälde von der Beerdigung Palmiro Togliattis.

„Die Macht und ihr Preis“ (Cadaveri Eccellenti), jüngst in Cannes außer Konkurrenz vorgeführt und wohl nur wegen der Mitwirkung von Lino Ventura als Inspektor Rogas in unsere Kinos gelangt, spielt in einem Land, „wo die Ideen außer Kurs geraten waren, wo die Prinzipien – noch proklamiert und mit Beifall aufgenommen – Tag für Tag verhöhnt wurden, wo in der Politik die Ideologien zu bloßen Bezeichnungen herabgesunken waren, wo es bei den Auseinandersetzungen der Parteien lediglich um Macht ging, wo nur die Macht um der Macht willen zählte“. Dieser Satz steht in Leonardo Sciascias 1971 erschienenem Roman „Il Contesto“ (auf deutsch unter dem Titel „Tote Richter reden nicht“ bei Benziger), der Rosi als Vorlage diente. Autor wie Regisseur weisen gleichermaßen entschieden die naheliegende Vermutung zurück, hier sei ausschließlich Italien gemeint.

Und in der Tat gelingt es Rosi, zumal durch die Wahl der Schauplätze und eine raffinierte Farbdramaturgie, dem Geschehen eine metaphysische Dimension zu geben, deren weit über die aktuelle italienische Situation hinausreichenden Bezüglichkeiten freilich nie in vager Larmoyanz enden. Die Untersuchung des Inspektors Rogas, der nach vier Morden an Richtern und Staatsanwälten eines fürchterlichen Zusammenhang ahnt, aber mit seinen altmodischen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit schließlich notwendig scheitern muß, führt durch verlassene Wohnungen und verwüstete Landschaften, verläuft zwischen der monumentalen Architektur der Macht und den verborgenen Kellern der mit modernster Technologie ausgerüsteten Inquisition. überall, auch im tristen Wohnzimmer des Inspektors, befinden sich Abhörgeräte, laufen Tonbänder mit. Selbst ein Blindenhund wird als Spitzel eingesetzt.

Rosi schafft ein ähnliches Klima totaler Unsicherheit wie die Amerikaner Francis Ford Coppola („Der Dialog“), Alan J. Pakula („Zeuge einer Verschwörung“) und Sidney Pollack („Die drei Tage des Condor“) oder auch das schwedische Autorenteam Sjöwall/Wahlöö in seinen Kriminalromanen: Bilder aus einer Gruft, in der eine unkontrollierte, unkontrollierbare Bürokratie nur noch das Chaos verwaltet. Einmal lehnt sich Lino Ventura, der aus irgendeinem trotzigen Bürgersinn heraus nur öffentliche Verkehrsmittel benutzt und seine Spuren mühsam per Bahn, Bus und zu Fuß verfolgt, aus dem Zugfenster, als bekomme er keine Luft mehr, als wolle er verzweifelt Atem holen, wo Leben eigentlich kaum noch möglich ist. In der gleichen Einstellung sieht man im Hintergrund eine brutal zusammengekleisterte Trabantenstadt. Beim Trauerzug für den Staatsanwalt Varga ziehen dicke Schwaden durchs Bild, verfremden das pompöse Zeremoniell zu einer surrealen Szenerie: auf dem Marktplatz qualmen riesige Müllhalden.

Konsequent hat Rosi bei dieser Reise durch Kälte und Verwesung, von der Gruft ins Museum bis zu Guttusos Bild der Grablegung, den Farben jeden Anschein von Naturalismus ausgetrieben. Es dominieren Schwarz, Braun und ein fauliges, fahles Grün. Dazu sind alle Außenaufnahmen leicht überbelichtet, ausgebleicht. Aber weder schwelgt Rosi in wohlfeilen Untergangsstimmungen, noch setzt er den Betrachter den effektvoll kalkulierten dramaturgischen Wechselbädern des zumal in Italien so erfolgreichen Polit-Thriller-Genres aus. Auf der Suche nach den „exquisiten Kadavern“ einer zum Tode kranken Gesellschaft bedient sich der einstige Assistent von Visconti und Antonioni der gleichen Methode, die alle seine bedeutenden Filme von „Wer erschoß Salvatore G.?“ und „Hände über der Stadt“ bis „Der Fall Mattei“ und „Lucky Luciano“ auszeichnete: eine geduldige, methodisch sorgfältige Enquête, die aus einer Fülle von vorgefundenen, langwierig geordneten Fakten, Vermutungen und Fiktionen ein komplexes Fresko gewinnt. Dabei geht es Rosi so ähnlich wie seiner Hauptfigur, aus deren Perspektive die Geschichte bis zum Ende erzählt wird. Stück für Stück, Indiz für Indiz tastet er sich an den Kern der Intrige heran, ohne jemals die ganze Wahrheit zu erfahren, ohne vorzugeben, ein vollständiges Bild entwerfen zu können.

„Wir haben dieses Land dreißig Jahre lang schlecht regiert und wir werden es auch zusammen mit den Kommunisten schlecht regieren“, heißt es einmal in „Die Macht und ihr Preis“, und natürlich hat Rosis Film in Italien kurz vor der Wahl heftige Diskussionen ausgelöst, denn, auch wenn hier nicht unbedingt Fanfani auf der einen und Berlinguer auf der anderen Seite gemeint sind, bleiben doch die Parallelen zur permanenten innenpolitischen Krise in Italien beklemmend offensichtlich: Rosi versteht es meisterhaft, seinen allgemeinen Entwurf mit konkreten, überprüfbaren Details aufzufüllen.

Gerade ein Teil der Linken fühlte sichvon dem Film angegriffen, weil Rosi letztlich auch den „Historischen Kompromiß“ der kommunistischen Partei als opportunistischen Winkelzug zu deuten scheint. Aber bis zur letzten Einstellung entzieht sich der Film einer allzu eindimensionalen Interpretation. Der Verzicht auf einen kurzen, glorreichen Moment der Wahrheit, deren Aufdeckung vermutlich den Beginn eines Bürgerkrieges bedeuten würde, könnte auch Zeichen politischer Reife sein; einer Reife, die der Linke Francesco Rosi eben nur noch bei den Kommunisten in Italien vermutet. Hans C. Blumenberg