Von Eva Marie v. Münch

Das Tempo, in dem die medizinische Forschung Eingriffe machbar werden läßt, hat Probleme entstehen lassen, die es früher nicht gegeben hat und für deren Lösung es deshalb keine allgemein akzeptierten und verbindlichen Präzedenzfälle gibt. Das gilt vor allem für einen Bereich, dessen praktische Bedeutung ständig wächst: die Übertragung von Körperteilen von einem Organismus auf einen anderen, die Organtransplantation.

Als Christiaan Barnard Ende 1967 die erste Herztransplantation gelang, war das eine Sensation, die ihn berühmt gemacht hat. Inzwischen ist diese Operation (bis Ende 1975) 294mal wiederholt worden: kein Anlaß mehr für Schlagzeilen. Weit häufiger – mehr als 20 000mal – sind in den letzten Jahren Nieren verpflanzt worden. Die Hornhaut von Augen und Teile des Ohrs werden schon seit längerer Zeit so oft transplantiert, daß solche Eingriffe beinahe schon als Routineoperation bezeichnet werden können.

Um so erstaunlicher ist es, daß in der Bundesrepublik die rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit Transplantationen unbefriedigend geregelt und sehr umstritten sind. Die erste deutsche Lebertransplantation am 18. Juni 1969 in der Chirurgischen Universitätsklinik in Bonn hatte ein gerichtliches Nachspiel, das operierende Ärzte noch heute zögern läßt, eine für die Gesundheit oder das Leben eines Patienten unbedingt notwendige Transplantation auszuführen. Der Grund: Schadensersatzansprüche der Angehörigen des Patienten, dem das zu übertragende Organ herausoperiert wurde.

Drohung mit Schadensersatz

Das Landgericht Bonn hatte damals über die Klage zweier Frauen zu entscheiden: Die Witwe und die Mutter eines plötzlich in der Klinik verstorbenen jungen Försters verklagten den Chefarzt Professor Gütgemann, weil ein Operationsteam mit seiner Zustimmung die Leber des Försters einem an Leberkrebs erkrankten Studenten transplantiert hatte, ohne sich um die Zustimmung von Frau und Mutter des Verstorbenen zu bemühen. Das Gericht war der Meinung, die Ärzte müßten vor einer Organtransplantation die Einwilligung des Organspenders oder – wenn das nicht geht – die seiner Angehörigen einholen. Das sei in diesem Fall auch durchaus möglich gewesen und zu Unrecht unterlassen worden. Es verurteilte Gütgemann nur deshalb nicht zum Schadensersatz, weil es sich (vor sieben Jahren) um eine „an sich achtenswerte, dem Fortschritt dienende Pioniertat“ gehandelt habe, weil „jegliche richtungweisende deutsche Gesetzgebung“ fehle und „sogar eine übereinstimmende Rechtslehre nicht ausgemacht werden könne.

So stehen die Dinge noch heute; nur, daß der Sonderfall „Pioniertat“ natürlich nicht mehr zieht. Das bedeutet: ein Arzt, der ohne Einwilligung des Spenders oder seiner Angehörigen ein Organ transplantiert, muß mit Schadensersatzansprüchen der Angehörigen rechnen. Auf die richtungweisende deutsche Gesetzgebung und auch auf die übereinstimmende Rechtslehre muß er freilich noch immer verzichten.