Was ein Clown ist, braucht man nicht zu definieren. Auch sein Treiben, die Clownerie, bedarf keiner weiteren Erklärung. In unserem Zusammenhang ist es freilich wichtig, daß der Clown seine Clownerien in voller Absicht treibt: im Bewußtsein seiner selbst und dessen, was er tut.

Dies vorausgeschickt, können wir uns jetzt dem Phänomen Harold Wilson zuwenden. Als er zurücktrat vom Amt des englischen Regierungschefs, faßte er seine treuen Mitarbeiter an den Händen und stimmte ein schönes Lied mit ihnen an. Daß er dann geadelt und „Sir Harold“ wurde, dürfte angesichts eines scheidenden Premierministers in England nicht wundern, mag er auch Sozialist sein. Ja, es ist wohl sogar die Regel, daß er auch andere sowohl für Adelstitel als auch für Orden vorschlagen kann. Was aber tat Wilson? Über wessen Häuptern schüttete er sein Füllhorn aus?

Zuerst einmal sorgte er dafür, daß sein Arzt, Dr. Joseph Stone, in den Adelsstand erhoben wurde. Gut so, denn wenn es sich dabei um den Mann handelt, der seinen medizinischen Teil dazu beitrug, daß Wilson England regieren konnte, solange er Lust dazu hatte, so hat er sich ums Vaterland verdient gemacht. Aber auch zwei Kapitalisten, James Goldsmith und Sigmund Sternberg, wurden Ritter. Sir Sigmund hatte, wie man erfährt, die Labour Party mit Spenden bedacht.

Sir Harold ließ ferner seine frühere Sekretärin Marcia Williams zur „Lady“ emporrücken. Ein Titel fiel auch für den einstigen Labour-Abgeordneten Terence Boston ab, der immer die „Public Relations“ für Wilson gepflegt hatte. Offenbar ist Wilson vollends in Schwung gekommen, denn er ließ frischen Ordensregen auf seine Hausdame und schließlich auf die Meisterin der Putzfrauen in der Downing Street und den Botenmeister träufeln. Und Lord Joseph, so heißt jetzt der Fabrikant, in dessen Werk; jener Regenmantel hergestellt wurde, den Wilson immer trug: den Mantel, dessen Revers mit dem bekannten, kleidsamen Schottenmuster geschmückt ist. So merkt man so recht, wie sehr der britische Premier an seinem schönen Mantel hing, den wir alle aus dem Fernsehen kennen und den er hoffentlich noch lange in Freuden und Ehren tragen kann.

Da gehen unwillkürlich die Gedanken zurück zum Vorgänger Wilsons, zu Heath, um den wir uns bei seinem Abschied keine Sorgen darum zu machen brauchten, wie er wohl seine Zukunft anpacken werde. Sei es als Segler, sei es als Orchester- und Chordirigent, er hatte schon als Premier überzeugende Proben seines sportlichen und musikalischen Könnens abgelegt. Seine Zukunft dürfte also auch abseits der Politik als gesichert und hoffnungsvoll erscheinen.

Anders Harold Wilson. Wir wußten, bisher von keinen politischen Talenten, die ihm, wenn nicht finanziellen Verdienst, so doch angenehmen Zeitvertreib verschaffen könnten. Doch stehen wir hier vielleicht an dem Punkt, wo man im Tunnel schon rundes Tageslicht aus der Ferne gewahrt. Vielleicht!

Wilson hat den größten Entertainer Englands, den Showbusiness-Manager Lew Grade, zum Lord erheben lassen. Und Lord Lew ist in der Tat wie wenige Menschen geeignet, die Leistungen von Sir Harold zu beurteilen. Diese Leistungen – wenn es welche sind – bestehen darin, die Umwelt durch virtuose Beherrschung der Titel- und Ordensparodie zuerst zur Verblüffung und dann zum großen Gelächter gebracht zu haben. Wer so arbeitet, muß im Showbusiness hoch willkommen sein, es sei denn, wir stünden wieder vor unserer Voraussetzung künstlerischen Wirkens: kein echter Clown, der nicht weiß, was er schafft: Clownerien. Bravo, Sir! In diesem Beifall werden wir durch die Tatsache noch ermuntert, daß Sir Harold einen Komiker, den beliebten Wilson- und Heath-Parodisten Mike Yarwood, adeln ließ. Man versteht: Kollege!

Anders, ganz anders wird natürlich unser Urteil ausfallen, wenn Wilson bei seinen Clownerien nicht klar war, was er tat. Schon hat der Abgeordnete Douglas Hoyle, wie dpa aus London meldet, eine Untersuchungskommission angeregt. Vielleicht genügt aber schon zu wissen, in welchem Fach der frischgeadelte Doktor spezialisiert ist, der den Premier in der Zeit seines politischen Wirkens behandelt hat...