Der Finnland-Besuch des Bundespräsidenten in dieser Woche ist frei von echten Belastungen. Außer einem großen Defizit der Finnen im Handel mit der Bundesrepublik und dem Rückgang des Deutschunterrichtes an finnischen Schulen gibt es keine bilateralen Probleme. Dennoch befindet sich Walter Scheel nicht auf einer Vergnügungstour. Das Gastland auf dem Grat zwischen Ost und West stellt gerade einen deutschen Staatsbesucher vor etwas delikate Aufgaben.

Finnland ist in den letzten Jahren zu einem Schauplatz deutsch-deutscher Rivalitäten geworden. Die Ambivalenz der finnischen Außenpolitik, bedingt durch den mächtigen Nachbarn Sowjetunion, läßt in Bonn und Ostberlin immer wieder die Frage aufkommen: Welche Deutschen gelten als die besten im Lande der 60 000 Seen – die von hüben oder die von drüben? Wenn die offiziösen Berichte im finnischen Rundfunk und Fernsehen das letzte Urteil böten, läge wohl die DDR vorn. Aber im Volke hört man es auch anders.

Beim protokollarischen Wettlauf nach Helsinki liegt Walter Scheel an zweiter Stelle. Der Staatsratsvorsitzende Willi Stoph war schon vor ihm dort. Damals lobte der finnische Staatspräsident Kekkonen die DDR als einen „modernen und jugendlichen Staat“. Es wird interessant sein zu erfahren, welche Komplimente Kekkonen jetzt für die Bundesrepublik parat hat. D. B.