ZEIT: Wie sieht Ihr Idealkabinett nach dem 3. Oktober aus?

Strauß: Wenn die CDU/CSU die Wahl gewinnen wird, also die absolute Mehrheit im Bundestag bekommt, wird Helmut Kohl zum Kanzler gewählt werden. Kabinettsbildungen sind immer eine mißliche Angelegenheit, weil einmal diejenigen, die noch nicht Bundesminister gewesen sind, das Ziel ihres politischen Lebensweges darin sehen, einer zu werden, und weil die anderen, die es gewesen sind, gerne es wieder werden wollen. Ich muß hier gleich eine Legende zerstören: Nämlich, daß ich die Aufstellung eines Schattenkabinetts bisher verhindert hätte. Dieses Thema ist bisher weder von der Führung der CDU noch der CSU angeschnitten worden. Dazu besteht auch kein Anlaß. Sowohl der Kanzlerkandidat wie auch die Unionsparteien müssen freie Hand haben, je nach den politischen Umständen aus den ja bekannten führenden Persönlichkeiten heraus die Ministerien wirksam zu besetzen.

ZEIT: Sie haben oft gesagt, es sei für eine Partei schwer, vielleicht sogar unmöglich, im Alleingang die erforderliche Mehrheit zu bekommen. Sehen Sie überhaupt noch eine Chance für einen Sieg der Union?

Strauß: Grundsätzlich habe ich keinen Anlaß, diese meine Meinung zu ändern. Denn beim Verhältniswahlrecht haben wir eine schwierigere Position als beispielsweise beim Mehrheitswahlrecht. Wenn wir etwa 1969 das englische Wahlrecht gehabt hätten statt des deutschen, hätte die CDU/CSU 60 Prozent der Sitze im Parlament bekommen. Statt dessen ist sie in die Opposition gedrängt worden. Aber das politische Klima der Bundesrepublik hat sich erheblich geändert, nicht nur mit dem „ruhmreichen“ Abgang Willy-Brandts, sondern auch durch die Enttäuschung über Schmidt, von dem man sich mehr versprochen hat, als er erfüllen konnte. Deshalb hat aus der Sicht von heute die Union konkrete Chancen, die Wahl zu gewinnen.

ZEIT: Wenn es doch nicht ganz reicht, werden Sie dann die Hand nach der FDP ausstrecken?

Strauß: Ich bin der Meinung, daß die FDP längst ihre Freiheit zwischen der einen oder anderen großen Partei aufgegeben hat. Die jüngsten Vorgänge haben mir recht gegeben.

ZEIT: Hat nicht die Wahlkampfparole „Freiheit statt Sozialismus“ die Freien Demokraten noch ein ganzes Stück von der Union weggetrieben?