Ein Prestigeprojekt nationaler Rüstung: Noch schneller, noch stärker

Von Hans Schueler

Bundesverteidigungsminister Georg Leber gab sich bescheiden. Als er am Freitag letzter Woche während der Nato-Konferenz in Brüssel gemeinsam mit seinem kanadischen Kollegen James Richardson kundtat, Kanada werde 128 deutsche Kampfpanzer "Leopard" für seine in der Bundesrepublik stationierten Truppen erwerben, ließ er die Zukunft offen: "über die nächste Panzergeneration streben wir eine Verständigung in der Allianz an."

Der Panzer, den die Kanadier kaufen, ist modern; aber er gehört doch schon der Geschichte an wie das letzte und bestausgereifte Modell des Käfers aus dem Volkswagenwerk. Die nächste Panzer-Generation aus deutscher Fertigung steht bereit, wenngleich vorerst nur in einem Exemplar. In den Montage-Hallen von Krauss-Maffei in München-Allach legen Elektrotechniker und Fahrwerksspezialisten in diesen Tagen letzte Hand an ein knapp 55 Tonnen schweres Ungetüm, das den werksinternen Namen PT (Prototyp) 19 und die offizielle Bezeichnung "Leopard II AV" trägt.

Irgendwann im August wird eine Lockheed "Galaxy" der amerikanischen Luftwaffe, der Welt größter Lufttransporter, auf einem bundesdeutschen Militärflughafen landen, den Panzer-Prototyp in ihren gewaltigen Bauch aufnehmen und über den Atlantik in die Vereinigten Staaten transportieren. Dort soll er im Herbst zur Vergleichserprobung mit dem amerikanischen Konkurrenzmodell XM 1 antreten.

Das ist ein ungewöhnliches Unternehmen: Mit ihrer Bereitschaft, sich überhaupt auf einen Vergleichstest einzulassen, haben die Amerikaner als dominierende Macht im westlichen Bündnis und als dessen größter Rüstungslieferant zu erkennen gegeben, daß ihnen die Übernahme eines kompletten, in Europa entwickelten Waffensystems nicht mehr von vornherein als ausgeschlossen erscheint. Die Rüstungs-Einbahnstraße, die bislang stets von West nach Ost verlief, wurde damit prinzipiell auch in Gegenrichtung für befahrbar erklärt. Ob sie tatsächlich befahren werden kann, bleibt freilich ungewiß.

Immerhin hatte sich das Bundesverteidigungsministerium schon im Dezember 1974 mit dem amerikanischen Heeresministerium auf ein "Memorandum of Understanding" geeinigt, in dem es heißt, daß beide Länder "im Rahmen der nationalen Forderungen für die nächste Kampfpanzer-Generation alle vertretbaren Anstrengungen unternehmen, um bei der Einführung der Kampfpanzer XM 1 und Leopard II in die Streitkräfte beider Länder ein Höchstmaß von Standardisierung dieser Panzer zu erreichen".