Von Rudolf Herlt

Zwei Jahre nach dem Zusammenbruch der Kölner Herstatt-Bank präsentiert sich der Gerling-Versicherungskonzern unter seiner neuen Führung in neuer Gestalt. Obwohl sich Hans Gerling als Mehrheitsaktionär der Bank bei der Abwicklung der Pleite zeitweise selbst im Wege stand, war es gelungen, den Versicherungskonzern aus dem Strudel des Bankzusammenbruchs herauszuhalten. Die Zeit der Alleinherrschaft Hans Gerlings war allerdings vorüber.

Damit der außergerichtliche Herstatt-Vergleich finanziert werden konnte, mußte Hans Gerling 200 Millionen Mark in einen Hilfsfonds zahlen (inzwischen sind im Zuge des Herstatt-Abwicklungsprozesses 20 bis 25 Millionen Mark mehr in die Kasse gekommen, um die sich Gerlings Leistung vermindert). Die Summe konnte er nur durch den Verkauf von Teilen seiner Versicherungsgruppe aufbringen. Das Geld kam schließlich aus drei Quellen zusammen. 50 Millionen Mark überwies die Zürich-Versicherungsgruppe als Akontozahlung für eine Schachtelbeteiligung von 25,1 Prozent der Anteile an der Gerling-Gruppe, 50 Millionen Mark brachte ein Industriekonsortium als Anzahlung auf eine Schachtelbeteiligung von 25,9 Prozent auf, und 100 Millionen Mark wurden von einem Bankenkonsortium unter Führung der Westdeutschen Landesbank und der Deutschen Bank zur Verfügung gestellt; als Sicherheit wurden den Banken jene 49 Prozent Anteile verpfändet, die Hans Gerling geblieben Waren.

Der Restkaufpreis muß von der Zürich-Versicherung und dem Industriekonsortium noch bezahlt werden. Der endgültige Kaufpreis ist inzwischen aus drei Bewertungsgutachten nach einem vorher vereinbarten Verfahren sorgfältig herausdestilliert worden: Er beträgt 334 Millionen Mark. Die Schweizer Käufer haben danach noch 33,8 Millionen, die Industriegruppe 36,5 Millionen Mark an Gerling zu zahlen. Fällig werden die Summen allerdings erst nach der Reorganisation des Konzerns, die in diesen Tagen abgeschlossen wird (siehe: „Die neue Gestalt des Gerling-Konzerns“).

Die neuen Herren folgen damit einem dringenden Wunsch des Bundesaufsichtsamts für das Versicherungswesen, aber auch der Wirtschaftspresse, die nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, daß sich Außenseiter in dem Gewirr von Verschachtelungen überhaupt nicht mehr zurechtfinden konnten. Dem Meister der Verschachtelung diente das Labyrinth der Zuständigkeiten dazu, auch leitende Mitarbeiter nur halbinformiert zu halten, damit nur einer im Besitz der vollen Wahrheit war: Hans Gerling.

Der Mann, der im Staffellauf der Unternehmensgeschichte den Stab von Hans Gerling übernommen hat, ist Rolf Gamper. Der 52jährige, seit Januar 1974 Europa-Generaldirektor der Zürich-Versicherung, hat die Aufgabe übernommen, den Gerling-Konzern in eine neue Zukunft zu führen. Der weltoffene Schweizer, der in ganz Europa zu Hause ist, packt seine Aufgabe mit der Gründlichkeit eines Juristen und dem Schneid eines in der Wolle gefärbten Unternehmers an. Zuerst will er den verunsicherten 7700 Gerling-Mitarbeitern ihr Selbstvertrauen zurückgeben, damit sie nach draußen wieder Vertrauen ausstrahlen können. „Das Wort Herstatt“, sagt der gebürtige Winterthurer, „steht bei uns auf dem Index.“

Jeder Prokurist, der seine fünf Sinne beisammen hat, soll den Konzernaufbau ohne Spickzettel hersagen können. Die Spitze des Konzerns ist eine Holding, an die, wie das Schema zeigt, fünf Gruppen direkt angebunden sind. An der Holding bleibt die Zürich-Versicherung mit 251, die Industrie-Holding mit 25,9 und Hans Gerling mit 49 Prozent beteiligt.