In ihrem Reiseverhalten lassen die Bundesbürger schon seit eh und je Vaterlandsliebe vermissen: Die meisten verbringen ihren Urlaub nämlich nicht in den heimischen Bergen oder an den Küsten von Nord- und Ostsee, sondern fahren ins Ausland, nach Österreich, Spanien, Italien und in andere südliche Länder.

Der Grund dafür, so meinen nicht wenige deutsche Tourismusexperten, sei nicht nur das unberechenbare Wetter hierzulande, die Auslandsreiselust der Deutschen habe ihre Ursache auch in einem eklatanten inländischen Informationsmangel.

Einer dieser Tourismus-Manager, der – nicht nur von Berufs wegen – sehr viel von Deutschland als Reiseland hält, ist der Direktor der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), Günther Spazier. Bisher oblag es ihm und seinen 150 Mitarbeitern in der Frankfurter Zentrale und im Ausland (die DZT unterhält 24 Büros in Europa und Übersee) sozusagen als touristisches Auswärtiges Amt überall in der Weit für Deutschland zu werben. 18 Millionen Mark umfaßt der Etat der DZT (einschließlich Personalkosten), nicht gerade viel, aber doch noch genug, um bei unseren europäischen Nachbarn und den Hauptinteressenten in Übersee, Japan und Amerika, präsent zu sein. Die Werbeanstrengungen der DZT blieben nicht ohne Erfolg. Im Jahre 1975 wies die Ausländer-Beherbergungsstatistik seit längerem wieder einen Zuwachs auf, sie stieg um sechs Prozent auf 16 Millionen Übernachtungen.

Was im Ausland möglich sei, so Spazier, müsse auch im Inlandsreiseverkehr zu erreichen sein. Nach seiner Meinung fehlt es in der Bundesrepublik an einer zentralen Inlandswerbung, die schon auf den Reiseentschluß der Bundesbürger Einfluß nimmt. Gezielte und erfolgreiche Inlandswerbung ist aber nur möglich, wenn entsprechende Marktdaten über Reisewünsche und Reiseerwartungen vorliegen. Hier gibt die Reiseanalyse des Studienkreises für Tourismus zwar erste Anhaltswerte über die Nachfrageentwicklung, die dort erarbeiteten Erkenntnisse bedürfen aber der Ergänzung.

Marktkenntnis und darauf aufbauende Werbung müssen aber noch durch ein drittes Bein ergänzt werden, durch überschaubare und marktkonforme Angebote. An den dicken, buntschillernden Auslandskatalogen der großen Reiseveranstalter läßt sich anschaulich demonstrieren, was, uns im Inlandstourismus fehlt: Übersichtliche Angebote für alle Fremdenverkehrslandschaften mit präzisen Orts-, Hotel- und Nebenleistungs-Beschreibungen, mit Preisangaben für alle Saisonzeiten, mit Karten und Photos.

Im Bundeswirtschaftsministerium, das für die Tourismusförderung federführend ist, hat man diese Mängel im innerdeutschen Tourismus längst erkannt. In der von ihm erarbeiteten Tourismus-Denkschrift „Tourismus als ökonomischer Faktor“ (siehe auch ZEIT Nr. 32 vom 1. 8. 1975 „Denkanstöße“) wurde deshalb vorgeschlagen, die Deutsche Zentrale für Tourismus auch mit der zentralen Inlandswerbung zu beauftragen. Im Grunde wird damit endlich ein Schritt nachvollzogen, den alle unsere europäischen Nachbarn längst gegangen sind. England, Frankreich, Spanien, Italien, um nur ein paar Beispiele zu nennen, haben längst nationale Tourismuszentralen, die sowohl für die Tourismusförderung im eigenen Lande wie im Ausland zuständig sind, und das mit großem Erfolg wie der ansteigende Inlandstourismus etwa in England und Frankreich beweist.

Günther Spazier ist sich der Schwierigkeit der vor ihm stehenden Aufgabe bewußt. Da der Bund nur für Inlandsabsatzförderung zuständig, Fremdenverkehrswerbung aber Ländersache ist, bedarf es behutsamer, kenntnisreicher Kooperation, damit der Deutsche Fremdenverkehrsverband und die ihm angeschlossenen Landesverbände nicht gleich im Schmollwinkel sitzen. An dem, was gut ist, soll ohnehin nichts geändert werden; Schwarzwald und Harz mögen auch weiterhin für sich werben. Aber, so meint Günther Spazier, es müßte doch im Interesse aller am deutschen Fremdenverkehr Beteiligten liegen, wenn in Zukunft etwa unter Federführung der DZT Länder und Kommunen beispielsweise gemeinsame Anzeigenkampagnen für Ferien in Deutschland starten und parallel dazu mit Hilfe „flankierender“ Veranstaltungen den Deutschen endlich mal klargemacht würde, wie schön ihr Land ist. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht: Sechs neue Mitarbeiter haben jetzt in der Frankfurter DZT-Zentrale die Ärmel aufgekrempelt.

Ferdinand Ranft