Von Ulrich Schiller

Washington, im Juni

Nach der monatelangen Serie von Vorwahlen, die bei Demokraten und Republikanern Klarheit über den Präsidentschaftskandidaten bringen sollte, herrscht in den politischen Lagern Amerikas zuerst und vor allem das große Staunen. Die Demokraten, die anfangs durch das Auftreten von mehr als einem Dutzend Bewerbern, verwirrt wurden, sind sich inzwischen fast völlig einig, wer ihr Kandidat werden soll. Die Republikaner hingegen werden weiterhin durch das erbitterte Duell zwischen Präsident Ford und seinem Herausforderer Ronald Reagan paralysiert. Die Auseinandersetzung droht die ohnehin mäßigen Chancen der Minderheitspartei für die Präsidentschaftswahl im Herbst weiter zu schwächen.

Im Mittelpunkt der staunenden Betrachtungen über den Ablauf der primaries steht Jimmy Carter. Der Siegeszug des Mannes aus dem Süden hat den Wunsch der Amerikaner nach Erneuerung an der Führungsspitze auf eindrucksvolle Weise bestätigt. Wie sonst ließe sich erklären, daß ein bis vor kurzem völlig unbekannter Politiker sich gegen die Bosse der demokratischen Partei durchsetzen konnte und die Nominierung beinahe in der Tasche hat?

Der bekannte Fernseh-Moderator Agronsky dürfte recht haben, wenn er voraussagt, daß auf dem New Yorker Parteikonvent Mitte Juli keine der herkömmlichen Nominierungs-Wahlen, sondern eine Art Krönung stattfinden werde. Seit der letzten Woche sind die Bataillone seiner bisherigen Rivalen in hellen Scharen zu Jimmy Carter übergelaufen.

Die meisten prominenten Demokraten haben sich inzwischen auf Carters Seite geschlagen. Der erzkonservative Gouverneur George Wallace, der bis vor kurzem selbst mit großem Einsatz um die Präsidentschaftskandidatur kämpfte und der viele Jahre lang die konservativen Demokraten des Südens hinter sich scharte, hat sich für Carter ausgesprochen, Aus dem Norden führte ihm der einflußreiche Bürgermeister von Chikago, Daley, die Delegierten von Illinois zu. Senator Hubert Humphrey erklärte seinen endgültigen Verzicht auf die Präsidentschaftsabsichten. Senator Henry Jackson beschwor die Einheit der Partei und stellte in Aussicht, er und seine in den ersten Vorwahlen gewonnenen Delegierten würden mit Carter gehen. Senator Frank Church ließ Interesse an der Vizepräsidentschaft durchblicken und stoppte seinen eigenen Wahlkampf. Morris Udall, der Herold der Liberalen, beschloß unter Tränen der Erschöpfung und Enttäuschung ein tapferes, beeindruckendes Vorwahlrennen. Selbst Edward Kennedy, der lange als Geheimtip der Demokraten galt, kündigte seine Unterstützung an, sobald Carter die Nominierung erhalte.

Der einzige, der offenbar noch immer daran glaubt, den Senkrechtstarter zu Fall bringen zu können, ist Jerry Brown, der Gouverneur von Kalifornien. Doch die Siegeszuversicht des jungen Mannes wirkt inzwischen beinahe komisch. Es spricht nichts dafür, daß der Kalifornier Jimmy Carter die Nominierung noch streitig machen kann.