Wer gern in die Sterne schaut, kann die kleine Öresundinsel Ven sofort in sein historisches Weltbild einordnen: Hier wirkte 20 Jahre lang einer der Väter der modernen Astronomie, der Däne Tycho Brahe. Zwar ist das rund 400 Jahre her, und das jetzt schwedische Ven war damals noch dänisch und hieß Hven (ausgesprochen „wehn“), doch Brahes Insel ist es bis heute geblieben.

Erdverbundenere Kenner dieser nur 750 Hektar großen und 300 Einwohner zählenden Insel sprechen schlicht von der „Perle im Öresund“. Es muß zu den kleineren Wundern in einer so touristisch erschlossenen Welt gerechnet werden, daß diese Perle bisher einigermaßen ungeschoren und unentdeckt davongekommen ist. Jedermann kann Ven von Dänemark oder von Schweden, vom Wasser, vom Lande und aus der Luft sehen – und doch haben die wenigsten die Insel besucht.

Die meisten kennen Ven nicht, halten es von der dänischen Öresundküste aus für ein Stück schwedisches Festland oder für ein bißchen vorwitziges Dänemark. Viele scheuen die umständliche Anreise; seitdem die sommerliche Schiffsverbindung zwischen dem dänischen Sletten (zwischen Kopenhagen und Helsingör) und Kyrkbacken/Ven eingestellt ist, führt der einzige Weg nach Ven über das schwedische Landskrona – in halbstündiger Seefahrt – nach Bäckviken. (Es sei denn, man nähme als Freizeitschiffer mit Segel- oder Motorboot direkt Kurs auf Ven: drei kleine Häfen warten.)

Die geringen Mühen lohnen sich. Was zuerst auffällt, ist die Stille. Kontinentalbewohner haben das Erlebnis solcher Stille nur an den wenigen autofreien Sonntagen während der Ölkrise erlebt. Auf Ven gibt es zwar eine Landstraße – sie mißt 3,8 Kilometer –, ein paar befahrbare Nebenwege dazu, aber insgesamt nur 25 einheimische Autos sowie vier Taxibusse, und die stören den Inselfrieden so wenig wie möglich. König ist der Fußgänger beziehungsweise der Radfahrer.

Auf Ven wimmelt es von Fahrrädern, und alle sind knallgelb. Sie gehören dem Touristenverein, können für sechs oder sieben schwedische Kronen pro Tag in den Häfen Bäckviken und Kyrkbacken gemietet werden und ersetzen dem Besucher, wenn er will, das Auto. Die Fahrräder gibt’s auch in Juniorgrößen, so daß dem Familienausflug nichts im Wege steht.

Mit dem Fahrrad kommt man überall hin, zum feinen Sandstrand bei Kyrkbacken (flach abfallend, ideal für kleinere Kinder!) oder bei Norreborg, zu den entlegensten Wegen zwischen Raps- und Weizenfeldern, zu den nahezu alpin abfallenden Hohlwegen bei Husvik.

Sind die Räder einmal ausgegangen, wandert man zu Fuß. Vier Kilometer in der Länge und zwei Kilometer in der Breite mißt das ganze Inselreich. Eiligere benutzen den Taxibus; weniger Eilige, aber Fußmüde leisten sich für 3 bis 4 Kronen eine Fahrt mit dem Kutschwagen. Autobesessene tun der Insel Gewalt an und nehmen doch den eigenen Wagen mit. Allerdings kostet die kurze Fährreise nach und von Ven 110 Kronen, 66 Mark; da überlegt sich mancher noch eirmal, ob er sein Auto nun unbedingt braucht. Der hohe Preis ist wirklich als Abschreckung gedacht.