Italiens Kommunisten und die geistige Freiheit

/ Von Hansjakob Stehle

Es sei doch allzu billig, über Italiens eigenwillige Kommunisten die Nase zu rümpfen – so gab jüngst ein (in Rom tätiger) deutscher Altkommunist jungen DDR-Funktionären zu bedenken: In der "Stallwärme eines sozialistischen Staates" als Kommunist aufzuwachsen, sei schließlich nichts als historischer Zufall; doch hier in einer westlichen Gesellschaft Kommunist zu werden, setze einen intellektuellen Entschluß, wenn nicht gar Bekennermut voraus.

Freilich, seit die KPI zu einer "Volkspartei" geworden ist, die Proletariern und mittleren Unternehmern, Katholiken und Liberalen viele Millionen freier Wählerstimmem verdankt, verbreitet auch sie immer mehr so etwas wie jene "Stallwärme", in der sich bewußte und unbewußte Konformisten behaglich (und manchmal auch ganz schick) einrichten.

"Viele wählen kommunistisch, weil sie fürchten, anders ihre Qualifikation als Menschen von Kultur zu verlieren", stellte kürzlich Renzo de Feiice fest, der bedeutendste unter den jüngeren Historikern Italiens. Zusammen mit fünfzig Intellektuellen und Künstlern rief er in einem Manifest dazu auf, am 20. Juni nicht kommunistisch, sondern liberal, republikanisch, sozialdemokratisch oder sozialistisch zu wählen.

Ist das Unbehagen, das sich hier meldet, wirklich begründet? Gibt es gar schon einen "intellektuellen Terrorismus" der marxistischen Linken? Sind – wie jüngst in der FAZ zu lesen – "neue Zensoren" am Werk? Entblößt also die kulturelle "Offenheit" der KPI ihre dialektische Kehrseite, indem sie alles und jedes in ihrer Umarmung "vereinnahmt"?

Aber nicht nur von rechts, auch von der außerparlamentarischen Linken wird der KPI dergleichen vorgeworfen, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: "Mit Hilfe von EG und Nato kandidiert die KPI, um einen Sozialdemokratismus zu garantieren, der nicht nur den Klassenkampf verteufelt, sondern auch – wie in Deutschland – jede Manifestation von Bürgerrechten..." (Dario Paccino). Droht demnach in Italien ein "Berufsverbot" für Nichtkommunisten?