Von Hayo Matthiesen

Sicher scheint nur eins: zur Wahl stehen zwei Kandidaten. Siegfried Baske, Professor für Erziehungswissenschaft an der Freien Universität, als vierter Stellvertreter des jetzigen Präsidenten Kreibich gewählt und deshalb von Gegnern gern als „vierter Vize“ verspottet, möchte erster Mann in Dahlem werden. Er konkurriert mit dem Heidelberger Germanistik-Professor Eberhard Lämmert, der sich erst kürzlich offiziell entschloß, das Präsidentenamt anzustreben, manche mit seinem Entschluß überraschte und von seinen Gegnern als „Heiland aus Heidelberg“ abgelehnt wird.

Unsicher war (am letzten Wochenende) wenige Tage vor der Wahl (am Dienstag nächster Woche), ob diese Wahl überhaupt abgehalten oder in letzter Minute verschoben wird; ob die Wahl, falls sie stattfindet, anschließend juristisch angefochten wird; ob sich bei einem späteren Termin nicht ganz neue Bewerber melden.

So viel Ungewißheit unmittelbar vor einer der bedeutendsten Entscheidungen in der bundesdeutschen Hochschulwelt kann nur den überraschen, der die Berliner Situation für „normal“ hält. Sie ist alles andere als das. An der FU nämlich gilt der Widerspruch als Prinzip; nicht einmal zwei Meinungen finden dort leicht zusammen. Professoren und Assistenten, Studenten und Dienstkräfte spielen hochschulpolitisch Weimar – die totale Zerstrittenheit ist der Alltag dieser Universität. In Dahlem herrschen Gerangel, Gerüchte und auch Gerichte, professorale Attitüden sind dort ebenso Trumpf wie kommunistische Machenschaften. Dabei ist das Wohl der FU vielen Antrieb für ihr Engagement; nur ist fast jeder davon überzeugt, daß diese Universität allein nach seinem Plan genesen könne.

Der Hintergrund der verwirrenden Hochschulszene ist die Berliner Situation: die Insellage, der die hochschulpolitische Umgebung als Ausgleich und Auslauf fehlt; die enge Stadtstaat-Atmosphäre, die leicht dazu führt, daß Politiker abends am Stammtisch umstoßen, was sie tagsüber beschlossen haben; die Pionierstimmung an der FU, die sich zur Zeit am stärksten dahin artikuliert, diese Universität wieder zu wissenschaftlichen Ehren zu führen; schließlich der Einfluß der Linken, vor allem von jenseits der Mauer, der Fünften Kolonne der SEW. Dies alles bedingt, daß in Berlin und zumal an der FU alles anders ist.

Deutlich wird das insbesondere an den Verhältnissen in jenem FU-Gremium, das die Wahl des Präsidenten vornimmt, dem Konzil. Es ist gedacht als ein Ständeparlament aus Hochschullehrern, Assistenten, Studenten und Dienstkräften; doch für seine 156 Mitglieder sind heute nicht die Probleme ihres „Standes“ maßgebend; statt in eine hierarchische Gliederung zerfällt das Konzil in politische Fraktionen.

Die „Linke Fraktion“, etwa 65 Stimmen stark, ist kein fester Block, sondern eher eine lockere, aber disziplinierte Zweckgemeinschaft aus 22 Mitgliedern der SEW-nahen „Aktionsgemeinschaft von Demokraten und Sozialisten“ (Adsen), aus drei Angehörigen von K-Gruppen und dem am ehesten der Juso-Richtung zuzurechnenden „Dienstagskreis“, einem Zusammenschluß entschiedener Reformer. Etwa 80 Prozent der Studenten unterstützen die „Linke Fraktion“ oder sympathisieren mit ihr; im Kern und in der Mehrzahl sind ihre Mitglieder radikale Demokraten.