Von Petra Kipphoff

Anselm Feuerbach: muß das jetzt wirklich auch noch sein, nach Makart (1972 in Baden-Baden) und vor Böcklin (1977 in Basel), neben dem Symbolismus (zur Zeit in Paris) und nach der Salonmalerei allerorten (1968 zum erstenmal in der Berliner Ausstellung "Le salon imaginaire")? Wird diese Lust am 19. Jahrhundert, dessen Erforschung so großzügig von der Thyssen-Stiftung gefördert und dessen Vermarktung so geschickt von den Trödlern betrieben wird, nicht allmählich zur Seuche? Wird die Frage nach dem 19. Jahrhundert nicht allmählich primär zu einer Frage nach der Befindlichkeit der von dieser Seuche befallenen Nachkommen?

Francis Haskell, der Oxforder Kunsthistoriker, charakterisiert in einer Vorbemerkung zu seinen Vorlesungen über Wiederentdeckungen in der Kunst diese lustvolle Bereitschaft zum Fündigwerden (ein Phänomen, das es in diesem Umfang weder in der Literatur- noch in der Musikgeschichte gibt oder gegeben hat) ganz allgemein mit einem potentiell sowohl positiven wie negativen Begriff: Anarchie. In einer Geschichte dieser spezifischen Anarchie, die man auch eine Geschichte des Geschmacks nennen könnte, wäre Anselm Feuerbach ein doppeltes Thema. Er selber betrieb in seiner Kunst die Wiederentdeckung einer vergangenen, historisch gewordenen Kunst, der Antike. Und diese seine Kunst wiederum, zu, seinen Lebzeiten zwar anerkannt, aber weder als zeittypisch noch als zukunftsweisend angekommen, wurde nach seinem Tode, 1880, mit großen Worten wiederentdeckt und gefeiert, ein Zustand, der bis 1930 anhielt. Danach war es abrupt vorbei, mit Feuerbachs hohem Ruhm; seine Popularität, belegt durch Kunstdruckmappen, seine "Iphigenie" im deutschen Lesebuch und poetische Versionen seiner Biographie, hielt zwar noch etwas länger vor; aber dann war Feuerbach, über einen Krieg hinweg, abgeschafft, vergessen, überflüssig.

Gibt es heute Gründe für eine Wiederentdeckung von Feuerbach, Aspekte also in seinem Werk und Anlässe in unserer Zeit, die sich addieren könnten zu einer Neueinschätzung?

Die Karlsruher Ausstellung, das ist angenehm und überzeugend, ist nicht mit Absichten, sondern aus Neugierde, ist nicht zur Illustrierung einer These, sondern in gänzlicher Offenheit zusammengetragen und arrangiert, der vorzügliche Katalog mit ebenderselben Offenheit bearbeitet worden. Es gibt im Falle Feuerbach auch nicht einmal ein rundes Datum zur Legitimierung dieses Unternehmens, es gibt nur eine Tatsache: Die Kunsthalle hat, neben der Münchner Schack-Galerie, die umfangreichste Feuerbach-Sammlung.

Anselm Feuerbach, geboren in Speyer (1829), gestorben in Venedig (1880), beerdigt auf dem Nürnberger Johannisfriedhof, wo auch Dürer liegt: das, ist, ergänzt man noch die Lehrzeit in Paris, die Entscheidung für Rom als den, bei einem ansonsten unruhigen Reiseleben, Haupt-Wohn- und Arbeitsort über Jahre hinweg, eine Gestalt, die gut in die deutsche Szenerie des mittleren 19. Jahrhunderts paßt, die in ihren Träumen dem klassischen Goethe, in ihrer Physis dem hypochondrischen Nietzsche, in ihrer Psyche dem hypertrophen Wagner nahe ist.

Feuerbach fühlte sich ein Leben lang verkannt und unter seinem Wert behandelt und gehandelt. Beides war nicht der Fall. Denn dank der ständigen Vermittlung seiner Stiefmutter, der intelligenten und aufopfernden Henriette Feuerbach, fanden seine Arbeiten, unbeschadet der gelegentlich negativen Rezensionen, bei oft einflußreichen und manchmal reichen Leuten Anerkennung (wie zum Beispiel dem kunstinteressierten Großherzog von Baden oder dem Münchner Sammler Graf Schack). Feuerbach selber war es, der, bei einem . großen Bedürfnis nach 1 bewundernder Resonanz, die Leute durch Arroganz oder sehr hohe Preisforderungen vor den Kopf stieß, er selber war es, der, bei einem großen Talent zu finanzieller Unbekümmertheit, die Verhandlungen über eine Anstellung an der Kunstschule von Karlsruhe, später dann auch Weimar, abbrach. Als er 1872 an die Wiener Akademie berufen wurde, trat er diese Stellung erst ein Jahr später an, hielt sich im folgenden wenig dort auf und bat 1878 bereits um seine Entlassung, weil er es in der Stadt, in der der Malerfürst Hans Makart mit seiner farbrauschenden Historienmalerei Triumphe feierte, nicht mehr aushielt.