Callaghan: „Wir halten unseren Lebensstandard nur durch Borgen aufrecht.“

In dem gereizten politischen Klima Großbritanniens wird der Ton zwischen der Labourregierung und der konservativen Opposition immer kriegerischer. Kein Wunder, daß die jüngste internationale Kredithilfe von 5,3 Milliarden Dollar unterschiedlich interpretiert wird. Premierminister James Callaghan und sein Schatzkanzler Denis Healey feiern den Beistand als ein Zeichen britischer Kreditwürdigkeit und als einen Vertrauensbeweis des Auslandes in die Politik der Labourregierung. Oppositionsführerin Margaret Thatcher hingegen sieht darin lediglich ein Zeichen ausländischer Geduld. Die Welt habe Großbritannien nur etwas mehr Zeit geborgt. Aber die Leihgabe werde wieder vertan, wenn die (Minderheits-)Regierung nicht so schnell wie möglich gestürzt würde.

Der Kredit ist die vorläufig letzte Krücke für die wankende Währung, die in den drei Monaten bis Anfang Juni über 15,5 Prozent ihres Außenwertes eingebüßt hatte. Die wichtigsten Industrieländer hielten die Stütze für notwendig, um zu verhindern, daß die Abwertung des Pfundes in gefährlicher Weise außer Kontrolle gerät. Sie haben ein Interesse daran, daß die Sterlingkrise nicht auf andere Währungen übergreift und die britische Regierung in den Protektionismus treibt. Insofern entspricht die Aktion dem aufgeklärten Selbstinteresse der Kreditgeber.

Pfundkrisen, Zahlungsbilanznöte und Auslandsverschuldung sind britische Evergreens, unabhängig von der Farbe der Regierung. Die letzte konservative Administration hinterließ ein Rekorddefizit in der Zahlungsbilanz. Die jetzige sozialistische Regierung hat einen Rekord in der Auslandsverschuldung aufgestellt.

Großbritannien hat heute amtliche kurz- und mittelfristige Auslandschulden von über 12 Milliarden Dollar, davon etwa zwei Milliarden Dollar beim Internationalen Währungsfonds. Hinzu kommen langfristige knapp vier Milliarden Dollar aus der nordamerikanischen Nachkriegs-Wirtschaftshilfe. Demgegenüber betragen die britischen Währungsreserven etwas über 5,2 Milliarden Dollar oder fast soviel, wie jetzt von den ausländischen Währungsbehörden als Kredithilfe zur Verfügung gestellt wurde. Diese Verschuldung ist eine erhebliche Belastung der britischen Volkswirtschaft. Sie verlangt einen Zinsendienst von etwa einer Milliarde Dollar im Jahr, und die meisten Schulden müssen Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre zurückgezahlt werden.

Die gesamten Zinszahlungen des öffentlichen Sektors an das Ausland sind jedoch merklich höher; denn sie schließen auch die Zinsen auf die britischen Kommunalobligationen, Schatzwechsel und Regierungsanleihen ein, die von Ausländern gehalten werden. Im letzten Jahr betrugen die gesamten Zinsen 796 Millionen Pfund oder nach jetzigem Wechselkurs umgerechnet 1,4 Milliarden Dollar. Die höhere Verschuldung dieses Jahres treibt den Zinsendienst wesentlich in die Höhe.

In der letzten Projektion der Staatsausgaben bis 1979/80 wurde eine Zunahme des Zinsendienstes für in- und ausländische Schulden von etwa zehn auf knapp 15 Prozent der Staatsausgaben vorausgesagt und hinzugefügt: „Ungefähr ein Siebtel der Schuldzinsen muß ans Ausland gezahlt werden und belastet die Zahlungsbilanz. Dies muß durch höhere Exporte oder geringere Importe ausgeglichen werden, wenn sich unsere Finanzposition gegenüber dem Ausland nicht verschlechtern soll.“ Die Regierung Callaghan hat hier sicher gute Vorsätze. „Wir halten unseren Lebensstandard nur durch Borgen aufrecht, und das kann nicht ewig so weitergehen“, erklärte der Premier bei Amtsantritt vor zwei Monaten. Einstweilen hat das Land weiter geborgt, um die Zinsen zahlen zu können.