Die Wahlen in Italien: KP-Chef Berlinguer – Reformator oder Rattenfänger?

Von Marion Gräfin Dönhoff

Am Abend des kommenden Sonntag werden in aller Welt die Politiker und Kommentatoren, und wen immer das politische Geschehen unserer Zeit bewegt, dem Ergebnis der italienischen Wahlen entgegenfiebern. Für Ost und West ist dieses Ereignis gleichermaßen bedeutungsvoll – nicht im üblichen Sinne jener Volksweisheit: Wat dem enen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall – diesmal ist nicht nur Kissinger, sondern auch Breschnjew besorgt.

Auch für Moskau würde der Eintritt der Kommunisten in die italienische Regierung mancherlei Ängste heraufbeschwören. Eine kommunistische Partei, die durch allgemeine demokratische Wahlen ohne Zutun Moskaus an die Macht kommt, ist nicht nach des Kremls Sinn. Schon gar nicht, wenn die Kommunisten, die sich da in unmittelbarer Nachbarschaft der Osteuropäer installieren, den Pluralismus und die freiheitlichen Grundrechte auf ihre Fahne schreiben und offiziell der Diktatur des Proletariats eine Absage erteilen. Eine Zeitbombe, auf der Schwelle zum sowjetischen Imperium plaziert, könnte kaum beängstigender sein.

Im Westen sind die Sorgen naturgemäß noch viel größer. Vor zehn Jahren wäre wahrscheinlich jedermann begeistert gewesen, wenn die stärkste kommunistische Partei Westeuropas Moskau kritisiert und den eigenen Weg zum Sozialismus proklamiert haben würde; wenn sie erklärt hätte, sie habe nichts gegen die Nato und finde die EG nützlich, Verstaatlichungen seien nicht vorgesehen, die Regeln der Marktwirtschaft würden beherzigt werden, und niemand würde unter ihrer Regierung je wegen seiner Überzeugung zu leiden haben.

Heute dagegen ist jedermann tief erschrocken über die Vorstellung, daß Vertreter dieses Kommunismus als Minister im römischen Kabinett sitzen. Viele sehnen sich zurück nach den guten alten Zeiten einer klaren Trennung der monolithischen Blöcke und Ideologien. Dem Reformkommunismus unter Dubček in der ČSSR wurde großer Beifall gespendet, aber beim gleichen Vorgang im eigenen Lager breitet sich allgemeiner Katzenjammer aus. Dabei ist doch zu vermuten, daß das Experiment diesseits des Eisernen Vorhangs viel eher Chancen hat, zu gelingen. Wäre dies der Fall, so würde damit das dritte Schisma nach Titos Abfall und Chinas Bruch mit dem Kreml eingeleitet. Soviel aber läßt sich heute schon feststellen, der Bruch mit China hat den internationalen Kommunismus sowjetischer Prägung mehr geschwächt als alle amerikanischen Rüstungsanstrengungen.

Wir können uns gewiß nicht wünschen, daß die KPI Italien regiert. Gerade deshalb stellt sich angesichts der stetig wachsenden Zahl kommunistischer Wähler die Frage, ob es nicht vernünftiger wäre, die Christdemokraten Roms entschlössen sich, die KPI heute als Juniorpartner in eine Koalitionsregierung aufzunehmen, anstatt mit allerlei Manipulationen das Leben der eigenen aktionsunfähigen Regierung bis zur völligen Erschöpfung zu verlängern. Dann nämlich gibt es nur noch eine wirklich tödliche Alternative: die Volksfront.