Mit großen Hoffnungen und Erwartungen war Willi Weyer am 24. Mai 1974 in Essen als Nachfolger von Dr. Wilhelm Kregel zum neuen Präsidenten des Deutschen Sportbundes (DSB) gewählt worden. Bei Halbzeit der vierjährigen Amtsperiode ist eine freundliche, aber nicht ungetrübte Zwischenbilanz zu ziehen. Der 59jährige, der im vergangenen Jahr sein Amt als Innenminister von Nordrhein-Westfalen aufgab, um sich ganz auf seine Aufgabe im Sport konzentrieren zu können, hat manches bewegt, bewirkt und angeregt. Andererseits mußte er aber auch erkennen, wie schwach doch ein sogenannter starker Mann in einem 13,5-Millionen-Mitglieder-Verband sein kann, der durch und durch föderalistisch aufgebaut ist, in dem es jede Menge unabgegrenzter Kompetenzen gibt, in dem zu viele Rücksichtnahmen geübt werden müssen und der nur mit der Kraft des besseren Arguments, also ohne jede Kommandogewalt, regiert werden muß. Zudem sieht sich der DSB nach wie vor in der Rolle eines gegängelten Schülers, weil er über die vom Bundesinnenministerium fließenden finanziellen Mittel nicht in eigener Zuständigkeit und Verantwortung verfügen kann.

Willi Weyers Verdienst: Er hat mit entschiedenen öffentlichen Auftritten den Eindruck erweckt, als habe der Sport jene einheitliche Stimme wiedergewonnen, die Anfang der 70er Jahre infolge von Streitereien der Sportführer untereinander verlorengegangen war. Dabei ergab sich zwischen Weyer und Willi Daume eine Aufgabenteilung. Der DSB-Präsident wirkte überwiegend „innenpolitisch“, der DSB-Ehrenpräsident, NOK-Präsident und IOC-Vizepräsident beanspruchte für sich den Part des Sport-Außenministers. Inwieweit allerdings dieses geregelte Nebeneinander der beiden so gegensätzlichen Männer auch in Zukunft Bestand haben wird, muß abgewartet werden.

Anders als seine Vorgänger unterstreicht Weyer immer wieder die gesellschaftspolitische Funktion des DSB. Bei dem Bemühen, den „Sport für alle“ zu verwirklichen, suchte der DSB-Präsident das partnerschaftliche Gespräch mit allen gesellschaftlichen Organisationen in der Bundesrepublik, und so ist es nur folgerichtig, daß auf der Abschlußkundgebung des bevorstehenden Bundestages in Kiel am Sonnabend mit Heinz-Oskar Vetter und Dr. Hanns Martin Schleyer der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände zum Thema „Sport – Freizeit – Arbeit“ sprechen werden.

Willi Weyers Versagen: Bei seiner Antrittsrede vor zwei Jahren versprach er, das hauptamtliche Management zu stärken. Da mußte es als das krasse Gegenteil erscheinen, als der DSB-Präsident die hauptamtlichen Abteilungsleiter des DSB aus den Präsidiumssitzungen ausschloß. Weiter gestärkt wurde dadurch allerdings Generalsekretär Karlheinz Gieseler. Mehr denn je hält dieser nun im Frankfurter „Haus des Sports alle Fäden in der Hand. Weyer, der von einem Büro in Hagen aus die Belange des DSB wahrnimmt und in Frankfurt nur besuchsweise vorbeispricht, befindet sich in weitgehender Abhängigkeit von dem im eigenen Haus ungeliebten Generalsekretär.

Bisher hat Weyer die Frage noch nicht beantwortet, ob er in zwei Jahren erneut für das Amt des DSB-Präsidenten kandidieren wolle; Es gab bei ihm in den letzten Monaten verschiedentlich Anzeichen für Resignation. Zu kraß auch stellte sich für den Vollblutpolitiker der Unterschied zwischen dem mit allen Möglichkeiten des Regierens ausgestatteten Ministeramt und der ehrenamtlichen Tätigkeit als im Grunde genommen machtloser DSB-Präsident dar. Vor allem die Fachverbände versuchen immer wieder ihre Eigenständigkeiten zu bewahren. So hatte der Deutsche Fußballbund (DFB) vor allem im Hinblick auf den Sportverkehr mit der DDR eigene Vorstellungen entwickelt. Willi Weyer mußte einen Lernprozeß durchlaufen. Ein Ausscheiden Weyers wäre ein großer Verlust für den Sport, zumal im DSB weit und breit keine Alternative zu dem jetzigen DSB-Präsidenten zu sehen ist.

Günter Deister