Als vor genau einem Jahr Indira Gandhi korrupter Wahlpraktiken für schuldig befunden wurde, ahnten ihre Richter nicht, daß dieser Spruch der Willkür Tür und Tor öffnen würde: Knapp zwei Wochen später hatte Indiens Premierministerin den Notstand ausgerufen, um die Macht nicht abgeben zu müssen.

„Zum Morgengrauen war das Land von der Demokratie in die lange Nacht der Diktatur gestürzt“, schrieb ahnungsvoll der Sozialistenführer George Fernandes in einem seiner geheimen Zirkulare aus dem Untergrund. Nun erfährt er am eigenen Leib, was es heißt, in einem Lande zu leben, in dem nicht nur die persönlichen Grundrechte nichts mehr gelten, sondern jeder ohne Begründung, Anwalt oder Gerichtsverfahren auf Jahre eingesperrt und sogar an die Wand gestellt werden kann: Seit Mitte letzter Woche sitzt Indiens meistgesuchten Mann im Gefängnis, einer von annähernd hunderttausend.

Mit der Verhaftung des windig-wendigen Eisenbahnerbosses Fernandes hat die eingeschüchterte und zersplitterte Opposition ihren Motor verloren. Denn die Möglichkeiten der anderen beiden Politiker, die Indira Gandhi gefährlich werden könnten, sind beschränkt: Jayaprakash Narayan kann ohne die künstliche Niere im Krankenhaus von Bombay nicht überleben, und Vinoba Bhave, der Mitstreiter des Mahatma Gandhi, ist über achtzig.

Je mehr Zeit ins Land geht, desto unbehelligter und unbekümmerter – sie bewegt sich ja auf dem Boden des Notstandsrechts – verordnet Indira Gandhi ihren Untertanen die Unfreiheit. Der letzte aufmuckende Vertreter des Rechts, der Richter am Obersten Gerichtshof, Khanna, hat sie daran erinnert, daß auch die Nazis für ihre Taten das Recht in Anspruch nahmen. Doch Indira Gandhi scheint das nicht zu kümmern.

Vy.