Im deutsch-sowjetischen Verhältnis werden Nadelstiche und kleine Konfrontationen immer mehr zur Regel. Das Auftreten des Bundespräsidenten und des Außenministers auf dem Chorfest des Sängerbundes in Westberlin veranlaßte die Sowjets zu der spitzen Bemerkung, dies ähnele schon einem Staatsbesuch in einem anderen Land.

Auch der schon 1974 verabredete Austausch der Militärattaché-Stäbe liefert jetzt einen neuen Streitfall. Die Sowjets beklagten sich im Auswärtigen Amt, die Bonner wollten das Prinzip der Gegenseitigkeit bis auf unwichtige Details ausdehnen und auf diese Weise auch noch vorschreiben, mit welchen Diensträngen die Sowjets ihren Stab zu besetzen hätten. (Es geht darum, ob ein General von Offizieren oder von Feldwebeln begleitet wird).

Das Auswärtige Amt bastelt derzeit an der Antwort auf die am 23. Mai veröffentlichte sowjetische Regierungserklärung über die Beziehungen zur Bundesrepublik; die Erwiderung wird wohl Ende des Monats fertig sein. Auch dies spricht nicht gerade für glatt funktionierende Beziehungen; öffentliche Erklärungen dieser Art zwingen – zumal in Wahlzeiten – zum Schlagabtausch; sie gehörten lange Zeit nicht mehr zum Repertoire sowjetisch-deutschen Gedankenaustausch.

Die sowjetische Erklärung enthielt sowohl die Offerte Moskaus zu weiterer Kooperation als auch Warnungen an die deutsche Seite. In SPD-Kreisen Bonns gilt der Schriftsatz aus Moskau mittlerweile als "Anti-Genscher-Erklärung". FDP-Leute kontern, Verteidigungsminister Leber sei mindestens ebensosehr betroffen.

Die Bonner Antwort, so erwartet man, wird ein längliches Opus werden, das zwar einige harte Positionsbeschreibungen enthalten, aber den Weg für künftige, friedlichere und nichtöffentliche Unterhaltungen freilassen soll.

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Der Bundestag setzt den Endspurt der parlamentarischen Beratungen fort und verabschiedet das Gesetz zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität. Vor allem dem Kredit- und Subventionsschwindel soll dabei zu Leibe gerückt werden. Fachleute schätzen den Schaden, der jedes Jahr durch solche Betrügereien entsteht, auf zehn bis 20 Milliarden Mark.