Von Eduard Neumaier

Befangen und spröde hatte die fünftägige Visite Edward Giereks in der Bundesrepublik begonnen, gelöst und geschmeidig ging sie zu Ende. Bei allen Beteiligten hinterließ der Besuch Erleichterung; der abwartend-kühle polnische Parteichef Gierek bekannte, bevor er abflog, er habe in den Gesichtern der Menschen Sympathie gelesen. Das Wagnis des Staatsbesuchs, für das sich Gierek und der Bundeskanzler ungewöhnlich engagiert hatten, ist gelungen. Im Angesicht des Polen brachte Helmut Schmidt Takt und Selbstbewußtsein in ein würdiges Verhältnis. Gierek mied jede ideologische Spitze und auch nur den entferntesten Anschein, er wolle die Deutschen mit ihrer Vergangenheit erpressen. Sein Versprechen, „Überwindung der Vergangenheit, Aufbau der Zukunft“, ist nun amtlich in die Beziehungen eingeführt.

Polens große Geste darf jedoch nicht zur gedankenlosen Annahme verleiten, nun sei das alte Kapitel abgeschlossen, weil Gierek und Schmidt ein ganzes Bündel von wirtschaftlichen Vereinbarungen und ein Kulturabkommen unterzeichnet sowie eine gemeinsame Erklärung abgegeben haben. Für den Augenblick war das viel. Die atmosphärische Reinigung zwischen Bonn und Warschau kündigt eine neue Phase deutsch-polnischer Beziehungen, aber noch lange keine dauerhafte Bereinigung an. Es ist noch ein weiter Weg zum normalen Verhältnis, wobei dieser Begriff irritierend genug bleibt, weil es so oder so zwischen Deutschen und Polen – sowenig wie zu Israel – ein wirklich „normales“, sondern immer nur ein außergewöhnliches Verhältnis geben kann, erschwert durch die Andersartigkeit des Regimes in Polen. Die Anfälligkeit dieser sich entwickelnden Beziehung ist groß – sie ist programmiert, weniger durch einen möglichen Regierungswechsel in Bonn als durch die Empfindlichkeit in den sachlichen Beziehungen.

Genaugenommen hat Giereks Visite beiden Seiten auch Enttäuschungen gebracht. Beide hatten insgeheim mehr erhofft, als sie schließlich vorfanden. Warschau sieht die wirtschaftlichen Möglichkeiten bei weitem nicht ausgenutzt, wie bei dem angestrebten Kupferabkommen. Wenn Gierek sogar bereit ist, westdeutsche Kapitalbeteiligungen zu erwägen, so muß der Ertrag dem Risiko von Schwierigkeiten im eigenem Lager entsprechen. Da dieser Ertrag mit Sicherheit nicht zu erwarten ist, droht Verbitterung.

Warschau ist auch über die Behandlung der Schulbuchempfehlungen irritiert, für die Bonn keine Verpflichtungserklärung eingehen konnte. Umgekehrt hat es Bonn getroffen, daß entgegen den Erwartungen und entgegen den Verheißungen, die deutsche Journalisten von höchster Seite in Warschau hörten, zunächst aus dem Austausch von Kulturinstituten nichts wird und auch der Jugendaustausch mehr Kopfzerbrechen bereitet, als zugegeben wird.

Daraus können sich noch Enttäuschungen ergeben. Doch hat die Begegnung des Kanzlers mit dem polnischen Parteichef den Willen bestätigt, die Störfaktoren unter Kontrolle zu behalten. Helmut Schmidts hartnäckiges Drängen, Polen Kredite zu geben und größtenteils durch Bundesbürgschaften abzusichern, sowie Edward Giereks beharrliche Absicht, alles an seinem Besuch gut zu finden, müssen als Indizien genommen werden, daß man möglichst viel Tatsachen schaffen will.

Es könnten sicherlich mehr sein, wären da nicht Grenzen gesteckt, auf die Gierek mit seinen ungewöhnlich häufigen Beteuerungen hinwies, fest mit der Sowjetunion und der DDR verbunden zu sein. Am Beispiel Kulturinstitut wurde dies deutlich. Nicht die Polen fürchten sich vor einem dritten deutschsprachigen Kulturinstitut (neben dem der DDR und dem Österreichs): Die DDR fürchtet es, weil dann via Warschau, wo DDR-Bürger sowieso gern an verbotenen polnischen Literaturfrüchten schnuppern, auch noch verhaßte westdeutsche Kultur verbreitet würde.